Gesundheit : Er ließ 45000 Juden deportieren Am Anfang war der Stadtumbau: Eine Analyse

des mörderischen Systems Speer

Susanne Willems

Die Speer-Biografin Gitta Sereny hat Heinrich Breloers Dokumentarfilm „Speer und Er“ für den Tagesspiegel positiv besprochen (Ausgabe vom Montag, 9. Mai; S. 27). Sereny kritisiert allerdings, Breloer habe Speers Rolle bei der Deportation der Berliner Juden übertrieben. Auf diese Kritik erwidert jetzt die Berliner Historikerin Susanne Willems. Sie ist Autorin des Buches „Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau“ (Berlin, 2002) und in Breloers Film Kronzeugin für Speers Verantwortung bei der Deportation.

Mit meiner Forschungsarbeit in den 90er-Jahren wollte ich klären, mit welchen ökonomischen und beruflichen Interessen die öffentliche Feinderklärung gegen die jüdische Minderheit im Land verknüpft wurde. Wie wurde diese Interessenspolitik zu der rassistischen Politik, die zum Verbrechen von Auschwitz geführt hat? Gegenstand meines Buchs ist die rassistische Wohnungsmarktpolitik der Speerschen Behörde. Im Kern ging es darum, Raum für den geplanten Stadtumbau, das neue Zentrum von „Germania“, zu gewinnen. Die Planung verlangte von Anfang an Ressourcen, die ohne Rechtsbruch, ohne KZ-Arbeit und ohne militärische Expansion nicht zu erreichen waren.

Ich teile das Interesse von Gitta Sereny an der vorurteilsfreien Suche nach der vermeintlichen Normalität, in der Menschen zu Beteiligten am Verbrechen werden, weil sie dieses nicht erkennen. Aber Albert Speer war nicht der Mann, als der er in der Öffentlichkeit noch bis vor kurzem galt. Er war nicht der reuig Leidende, der seine Schuld akzeptierte – wenn auch nur unter dem Vorbehalt, dass es seine Schuld angeblich nicht war. Anhand von Archivmaterialien konnte ich das Kalkül Speers und seiner leitenden Mitarbeiter – Architekten, Ingenieure, Juristen und Kommunalpolitiker – darlegen. Ihre politischen Projekte und Entscheidungen habe ich rekonstruiert.

Diese Erkenntnisse liegen auch dem vierten Teil der Breloer-Dokumentation zugrunde, den Gitta Sereny jetzt kritisiert. Mein Buch und das Werk Breloers sind nicht die ersten wissenschaftlich fundierten Arbeiten, die Speer demaskieren. Aber einem Teil der Noch-Kriegsgeneration scheint der wiederholte und dadurch lange Abschied von der mythisierten Figur Albert Speer schwerzufallen. Das ist teilweise nachvollziehbar. Denn nach dem Krieg baute Speer ein dichtes Lügengebäude auf. Er tat dies mit Hilfe westdeutscher Publizisten und seiner einst Untergebenen, die in der Bundesrepublik der 50er-Jahre in Dezernenten- und Staatssekretärsränge zurückkehrten. Aber heute ist es endgültig an der Zeit, vom falschen Speer Abschied zu nehmen.

Albert Speer hat seinen Apparat stets kalkulierend, jeden politischen Schritt, jede Gefälligkeit berechnend, aufgebaut. Er zerstörte die Existenz der Berliner Juden, stellte ihr Recht auf Wohnung zur Disposition, ließ sie durch seine Behörde in die Wohnungslosigkeit treiben und veranlasste letztlich ihren Abtransport in die Ghettos und Vernichtungslager durch die Gestapo. Wie weit ging Speers Verantwortung? Speers Behörde lieferte mit den Kündigungsanordnungen über 5000 Wohnungen im August 1941 und über alle noch nicht gekündigten 10 000 bis 15 000 Wohnungen im November 1941 etwa 45000 Berliner Juden der Gestapo zur Deportation aus. Die Gestapo führte Speers Räumauftrag von November 1941 mit den Massendeportationen im Anschluss an Straßenrazzien und die Fabrik-Aktion im März 1943 aus. Bis zur Befreiung wurden aus Berlin 50500 Juden deportiert. Damit ist Speer für 90 Prozent der Deportationen aus Berlin direkt verantwortlich.

Speer behauptete im September 1938, den zunächst 2500 Juden, denen er ihre großen innerstädtischen Wohnungen nehmen wollte, eine Siedlung am Stadtrand bauen zu wollen. Diese Absicht war eben nicht eine „unbestreitbare Andeutung seiner damaligen moralischen Einstellung“, wie Sereny annimmt. Sie übersieht, dass schon Speers Rechtsbruch amoralisch war, durch behördliche Anordnungen in private Mietverhältnisse einzugreifen. Amoralisch war auch das rechnerische Kalkül. Je mehr Juden das Recht auf Wohnung beschnitten wurde, desto größer die fiktive Ersparnis der öffentlichen Hand: Statt zunächst versprochener kleiner Wohnungen keine Wohnungen.

Mehr Informationen unter:

www.susannewillems.de

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