Gesundheit : Er war der Medizin verfallen

Michael De Ridder

"Soll die Medizin daher ihre große Aufgabe wirklich erfüllen, so muss sie in das große politische und soziale Leben eingreifen ..." Unter diesem 1849 von Rudolf Virchow formulierten Leitmotiv der Medizin stand auch das ärztliche Wirken von Professor Wolfgang Dißmann, ehemals Chefarzt der I. Inneren Abteilung des Urban-Krankenhauses und Initiator des Deutschen Herzzentrums Berlin. Er starb am 8. Januar 2002 nach kurzer schwerer Krankheit mit 69 Jahren.

Mit ihm verliert die Berliner Medizin eine ihrer profiliertesten Persönlichkeiten, einen empathischen Arzt und brillanten Kliniker, doch auch einen unbequemen und kompromisslosen Kopf von selten kämpferischer Gesinnung für eine qualitätvolle Medizin.

Nur wenige mochten ihm - den leidenschaftlich zu nennen fast einer Untertreibung gleichkäme, denn er war der Medizin geradezu verfallen - mit der Zielstrebigkeit und Konsequenz folgen, die ihm eigen war und die er selbst der Ärzteschaft vorlebte. Und dies nicht nur als Kardiologe und Internist, der allein strengste wissenschaftliche Maßstäbe in Diagnostik und Therapie gelten ließ, sondern auch als Arzt, der seinen Patienten ein kaum zu übertreffendes Maß an Zeit und Zuwendung entgegenbrachte. So vermittelte er 1979 einen dringend operationsbedürftigen Berliner Patienten mit einem Aneurysma der Brustaorta an den renommierten texanischen Herzchirurgen Denton Cooley, da ein solcher Eingriff in Europa damals noch nicht möglich war.

In den Augen Dißmanns war das ein Armutszeugnis für die deutsche Medizin. Es wurde ausschlaggebend für seine Initiative, in Berlin ein kardiochirugisches Zentrum zu schaffen. Seine weitsichtige Idee, es in Kreuzberg anzusiedeln, um so den schon damals schwächsten Berliner Bezirk aufzuwerten, wurde jedoch zu seinem Bedauern vom Senat zugunsten des Standortes Reinickendorf verworfen. Es entstand das Deutsche Herzzentrum Berlin.

Auch wenn Krankheit nicht mehr zu heilen sondern allein zu lindern war, konnten seine Patienten auf ihn zählen: Stunden verbrachte er, Zuspruch und Trost spendend, am Bett schwerkranker, sterbender Patienten. Er war ebenso "hochkompetenter Therapeut" wie "seelischer Lotse durch die Untiefen der Krankheit und der Verzweiflung", wie ihn einer seiner Patienten charakterisierte. "Rufen Sie mich an, wenn Sie mit einem Patienten nicht zurecht kommen, egal zu welcher Zeit!" - auch als Assistent auf der Intensivstation fühlte man sich nie alleingelassen.

Nach seiner Pensionierung 1997 widmete er sich in zahlreichen Publikationen Fragen der medizinischen Versorgungsqualität und künftiger Gesundheitspolitik. Schwindende ärztliche Professionalität, ausuferndes Spezialistentum, nachlassendes Forschungsinteresse sowie der Mangel an übergeordneter gesundheitspolitischer Orientierung erfüllten ihn mit Skepsis und tiefer Sorge um die Zukunft der Medizin, die er auf keinem guten Weg sah. Um so schmerzlicher ist der Verlust dieses Arztes, dessen Scharfsinn, Weitsicht und Einfühlungsvermögen viele Berliner vermissen werden.

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