Gesundheit : Erbe gemeinsamer Geschichte Das Leo-Baeck-Institut wird 50 Jahre alt

Hans von Seggern

In Jerusalem versammelte sich im Mai 1955 ein kleiner Kreis jüdischer Emigranten aus Deutschland. Unter ihnen der Theologe Martin Buber, der, von den Nazis mit einem Redeverbot belegt, Deutschland 1938 verlassen hatte, Gershom Scholem, Pionier der Jerusalemer Hebrew University, sowie der Publizist Robert Weltsch. Nach der zurückliegenden Apokalypse des europäischen Judentums ging es ihnen darum, dass das Erbe der deutsch-jüdischen Geschichte nicht in Vergessenheit gerate. Sie gründeten ein Forschungsinstitut mit Sitz in Jerusalem, New York und London, das sie nach Leo Baeck benannten.

Baeck, der aus Niederschlesien stammende Rabbiner, Experte der Midrasch-Literatur und – ab 1933 – Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, war eine der großen Integrationsfiguren des deutschen Judentums. Er war 1943 nach Theresienstadt deportiert worden, wo er überlebte. Ein Jahr vor seinem Tod wurde er zum ersten Präsidenten des nach ihm benannten Instituts. Heute ist das Leo-Baeck-Institut die weltweit führende Forschungseinrichtung zur deutsch-jüdischen Geschichte.

Bei der Erinnerung an die Vergangenheit gehe es um sehr viel mehr als um die zwölf Jahre von der „Machtergreifung“ bis zur Befreiung von Auschwitz, wie Michael Meyer, Präsident des LBI, betont. Der Forschungsfokus sei vielmehr auf die Erforschung und Vermittlung von Kenntnissen zur deutsch-jüdischen Geschichte vor 1933 und nach 1945 gerichtet. Hierzu hat das LBI in Deutschland eine Kommission eingerichtet, die die deutsch-jüdische Geschichte als Unterrichtsinhalt empfiehlt.

So spielten Juden eine wichtige Rolle in der zarten demokratischen Tradition Deutschlands: Der Vizepräsident des Frankfurter Paulskirchenparlaments, Gabriel Riesser, war ebenso Jude wie der Autor der Weimarer Reichsverfassung, Hugo Preuß. Besonders wichtig sei zudem die Bewahrung von Nachlässen deutsch-jüdischer Emigranten, sagt Aubrey Pomerance, Leiter der Berliner Dependance des LBI am Jüdischen Museum Berlin. Rund ein Drittel der New Yorker Bestände ist für die Benutzer der Bibliothek im Jüdischen Museum per Mikrofilm zugänglich.

Dass es im heutigen Deutschland Menschen gebe, die gewissermaßen ohne Not das Judentum für sich beanspruchen, um schließlich im Rahmen medialen Mummenschanzes damit zu drohen, Backenzähne in Beton zu gießen, nannte Meyer ein „merkwürdiges Phänomen“, das nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit des Instituts stehe. Philosemitismus sei zwar wesentlich besser als sein Gegenteil, der Antisemitismus. Was aber beide Phänomene verbinde, sei ihr Basieren auf Vorurteilen, nicht auf Kenntnissen, deren Verbreitung das Ziel des Instituts ist. Dieser Tage feiert das Leo-Baeck-Institut den 50. Jahrestag seines Bestehens.

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