Gesundheit : Ererbt und früh erkannt

Eine genetische Veranlagung zu Brustkrebs ist selten – doch was tun, wenn der Gentest positiv ausfällt?

Adelheid Müller-Lissner

47 000 Mal wird die Diagnose Brustkrebs in jedem Jahr in Deutschland gestellt. Angesichts dieser Häufigkeit ist es nicht erstaunlich, dass in manchen Familien mehrere Frauen erkranken – vor allem, wenn das erst in höherem Alter geschieht. Eine genetische Veranlagung steckt nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle dahinter. Ein Drittel bis die Hälfte dieser Veränderungen betreffen die zwei bisher bekannten „Brustkrebs“-Gene BrCa1 und BrCA2, die vor zehn Jahren entdeckt wurden. Ob es noch ein drittes oder mehr noch nicht identifizierte „Brustkrebs"-Gene gibt, ist noch ungeklärt.

Auf dem Krebskongress in Berlin favorisierte der Heidelberger Humangenetiker Claus Bertram die Hypothese, dass eine Vielzahl von Genen beteiligt sind. Seit 1996 werden im Rahmen eines von der Deutschen Krebshilfe lancierten Programms in zwölf Zentren Frauen beraten und getestet, die den Verdacht haben, bei ihnen könnte ein erhöhtes Risiko in den Genen liegen. Auf dem Kongress zogen Mediziner eine erste Bilanz:

7000 Ratsuchende kamen inzwischen in die Zentren, 3000 Familien wurden molekularbiologischen Tests unterzogen. Zwei familiäre Konstellationen machen eine genetische Veränderung demnach besonders wahrscheinlich: Zwei nahe Verwandte sind an Brustkrebs erkrankt, als sie noch nicht 50 Jahre alt waren, oder eine nahe Verwandte hatte Brust-, eine andere Eierstockkrebs.

80 bis 90 Prozent der Frauen, die Veränderungen an BrCa1 oder 2 zeigen, erkranken im Verlauf ihres Lebens an Brustkrebs. „Das Risiko steigt bereits in jungen Jahren steil an“, sagte Marion Kiechle von der Frauenklinik der TU München. Auch die Gefahr, den selteneren Eierstockkrebs zu bekommen, ist für sie deutlich erhöht.

Trotzdem haben prognostische Gentests nur Sinn, wenn sie das Handeln beeinflussen. Jede Frau erhofft sich natürlich Beruhigung durch ein negatives Testergebnis – auch wenn das in einer paradoxen Reaktion zu Schuldgefühlen gegenüber erkrankten Familienmitgliedern führen kann. Doch was geschieht, wenn ein verändertes Gen entdeckt wurde? „Das muss unbedingt vor dem Gentest geklärt werden“, sagt Matthias Beckmann von der Frauenklinik der Uni Erlangen-Nürnberg. Die Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Frage dürfe nicht erst nach dem Test beginnen.

Eine radikale Möglichkeit ist die vorbeugende Amputation einer oder beider Brüste. Die Entfernung der Eierstöcke verhindert bei verändertem BrCA1 oder 2 nicht nur Eierstockkrebs, sondern senkt Studien zufolge auch das Brustkrebsrisiko. In den Niederlanden entscheidet sich jede zweite Frau nach einem positiven Test für die Eierstock-, jede vierte für die Brustoperation. In Deutschland sind derart einschneidende Lösungen weit weniger akzeptiert. Sie sind psychisch und physisch belastend. Bei jungen Frauen prallen zudem oft Krebsangst und Kinderwunsch aufeinander. Medikamente, die die Wirkung des Hormons Östrogen auf das Brustgewebe verringern, fordern ihren Preis in Form frühzeitiger Wechseljahrebeschwerden. Umso wichtiger sind regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen.

Sicherheitshalber sollten sie fünf Jahre vor dem frühesten Erkrankungsalter eines Familienmitglieds beginnen. Neben der Selbstuntersuchung gehören Tastuntersuchung beim Arzt alle sechs Monate, Mammografie und die teure, wegen der Dichte des Brustgewebes bei jüngeren Frauen aber wesentlich aussagekräftigere Magnetresonanz-Tomografie (MRT) in jedem Jahr dazu. Bei Trägerinnen der veränderten Gene wurden vermehrt sehr kleine Tumorknoten ohne Befall der Lymphknoten gefunden, ein Hinweis darauf, dass die engmaschige Überwachung greift. Ob dadurch Leben gerettet werden, sei aber noch nicht heraus, erklärte Marion Kiechle.

Das genau ist der Streitpunkt bei einem Angebot der Früherkennung, das weit mehr Frauen betrifft: dem Mammografie-Screening für alle deutschen Frauen zwischen 50 und 69. Es soll im nächsten Jahr, dem Beispiel Englands, Schwedens und der Niederlande folgend, flächendeckend in der gesamten Bundesrepublik eingeführt werden. In 80 bis 100 Screening-Einheiten, darunter drei in Berlin, werden Röntgenaufnahmen der Brust gemacht und nach europäischen Qualitätsstandards ausgewertet. Über erste Erfahrungen mit dem Mamma-Screening in der Modellregion Bremen berichtete auf dem Kongress dessen Leiter Hans Junkermann. 24000 von über 47000 eingeladenen Frauen der Altersgruppe wurden dort inzwischen mammografiert. Man rechnet damit, dass sich 70 von 100 eingeladenen Bremerinnen dafür entscheiden werden. Bei mehr als neun von 1000 Teilnehmerinnen wurde ein Tumorknoten entdeckt. „Wir haben seitdem in Bremen eine um das 3,5fache gestiegene Entdeckungsrate“, sagte Junkermann.

Kritiker bemängeln, der Profit für die einzelne Frau sei trotzdem gering: Nur eine von 1000 Frauen verdanke der radiologischen Früherkennung ihre Heilung, falscher Alarm treffe viele mehr von ihnen. Denn auch die häufigste Krebsform der Frau ist glücklicherweise selten. Junkermann hofft indessen auf eine Nebenwirkung des Screening-Angebots: „Die Qualität der Brustkrebs-Diagnostik wird flächendeckend steigen.“

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