Gesundheit : Erfinder des vernetzten Denkens

Zum Tod von Frederic Vester

Dagmar Dehmer

Die Natur ist für Frederic Vester immer die „erfolgreichste Firma der Welt“ gewesen. Von ihr zu lernen, hat der Erfinder des „vernetzten Denkens“ sein Leben lang gefordert. Mit Büchern zur Verkehrspolitik wie „Ausfahrt Zukunft“ oder „Crashtest Mobilität“ wurde er in den 90er Jahren endgültig zu einem der wichtigsten Vordenker der Grünen.

Bis 1970 war Vester in der Krebsforschung tätig. Doch das Denken im Wissenschaftsbetrieb war dem späteren Professor für Interdependenz von technischem und sozialem Wandel an der Universität der Bundeswehr in München zu eindimensional. 1970 gründete er deshalb die private „Studiengruppe für Biologie und Umwelt GmbH“. Dort probte er interdisziplinäres Denken, als dieser Begriff an den Universitäten noch gänzlich unbekannt war. Mit der Studiengruppe erforschte Vester jahrzehntelang Systemzusammenhänge. Dabei herausgekommen sind wesentliche Anstöße für die Lernbiologie, die Landschafts- und die Städteplanung.

Der Studiengruppe ist auch das Strategiespiel „Ökopoly“ zu verdanken, das 1983 als Brettspiel und 1989 als Computerspiel „Ecopolicy“ auf den Markt kam. Wer es einmal gespielt hat, kann gut nachvollziehen, warum Frederic Vester vor allem in der Politik „vernetztes Denken“ gefordert hat. Denn wer versuche, ein Problem nur punktuell zu lösen, schaffe meist an anderer Stelle zwei neue Probleme, sagte er vor fünf Jahren dem „Handelsblatt“. Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch das Umweltspiel. Wer versucht, ein Umweltproblem auf einfache Art zu lösen, rennt von einem Desaster ins nächste. Ein ernüchterndes, aber dabei lehrreiches Spiel.

Zuletzt hat sich Frederic Vester, der seit 1993 Mitglied des Club of Rome war, mit den Gefahren durch die Informationstechnologie auseinander gesetzt. Sein Buch „Die Kunst, vernetzt zu denken“ erschien im vergangenen Jahr als Schrift des Club of Rome. Darin kritisiert er den Versuch, die Komplexität der Welt durch die Sammlung riesiger Datenmengen erfassen zu wollen. „Das bringt uns keinerlei Bereicherung an Wissen und Einsicht“, urteilte Vester. Es gehe im Gegenteil darum, Zusammenhänge herzustellen, um die gewaltigen Mengen von Informationen noch verarbeiten zu können. Entscheidend sei nicht die Menge, sondern die Auswahl der Informationen.

In der Nacht zum Sonntag ist der Publizist und Biochemiker nach einer langen Krankheit im Alter von 77 Jahren in München gestorben. Er war mehr als 50 Jahre lang mit Anne Vester verheiratet, hatte drei Kinder und sechs Enkelkinder.

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