Gesundheit : Erfrorene Hoffnung

Nach dem Absturz des Eis-Satelliten „Cryosat“ ist der Start weiterer Umweltsonden gefährdet

Paul Janositz

Nur eineinhalb Stunden lang konnten sich Experten der Europäischen Weltraumbehörde „Esa“ und Klimaforscher in aller Welt freuen. Planmäßig hatte der europäische Umweltsatellit „Cryosat" am Samstag um 17 Uhr 02 vom russischen Weltraumbahnhof Plessezk abgehoben. Transportmittel war „Rockot“, eine 29 Meter lange, umgebaute Interkontinental-Rakete vom Typ SS-19. Gegen 18 Uhr 30 sollte der Satellit die Umlaufbahn erreichen und sich per Funk melden.

Dann wurden die Gesichter im Darmstädter ESA-Kontrollzentrum immer länger. Cryosat, in den 140 Millionen Euro investiert wurden, blieb stumm. „Der Satellit ist abgestürzt“, erklärte schließlich Yuri Bakhvalov, Vizedirektor des „Chrunitschew“-Zentrums, in dem die Zusatzstufe der Rakete hergestellt worden war. Nach und nach stellten sich die desaströsen Details heraus. Es geschah kurz vor Erreichen der anvisierten Umlaufbahn. Die russische Trägerrakete stürzte in Nordpolnähe ab, vermutlich in die Lincoln-See nordöstlich von Grönland. Anscheinend hatte sich die zweite Stufe von „Rockot“ nicht von der dritten Antriebsstufe mit dem Satelliten getrennt.

Warum? Das Kontrollsystem der zweiten Antriebsstufe habe wohl keinen Befehl zum Abschalten des Motors gegeben, teilte die russische Raumtransportgesellschaft Eurockot mit. Deshalb habe die dritte Stufe gar nicht starten können. Weitere Rockot-Starts wurden zunächst gestoppt. Eine staatliche russische Untersuchungskommission soll nun die Absturzursache genau untersuchen. Dabei soll sie mit Esa und Eurockot zusammenarbeiten. Die Gesellschaft mit Sitz in Bremen gehört zu 51 Prozent dem Luft- und Raumfahrtkonzern Eads und zu 49 Prozent dem Chrunitschew-Zentrum.

Mike Rast, Experte für die Esa-Erdbeobachtung in Darmstadt, ist enttäuscht. Doch er will weitermachen. „Man muss sich Gedanken machen, wie wir diese Mission ersetzen können.“ Schnelle Entscheidungen etwa über eine Wiederholung der Mission seien nicht zu erwarten, sagte Esa-Sprecherin Jocelyne Landeau.

Vorerst wird also der genaue Zustand des Polareises noch verborgen bleiben. Zwar haben europäische Umweltsatelliten wie „Ers-2“ oder „Envisat“ schon Daten über das Eis an den Polen gesammelt. Doch von den Rändern der Eisdecken liegen keine verlässlichen Messungen vor. Cryosat sollte dies nun zentimetergenau feststellen. So könnten die noch weitgehend unbekannten Zusammenhänge zwischen den Schwankungen in der Eisdicke und der globalen Klimaerwärmung besser verstanden werden.

Sollten die Eisschichten über Grönland und der Antarktis in den kommenden Jahrzehnten abschmelzen, müsste die Menschheit mit einem dramatischen Anstieg der Meeresspiegel und einer sich rapide erwärmenden Atmosphäre rechnen. Messungen an Ort und Stelle seien in den vergangenen Jahren immer nur stichprobenartig möglich gewesen, erklärt Jan Lieser vom Alfred-Wegner-Institut für Polar- und Meeresforschung in Kiel. Cryosat war nun mit einem speziellen Radarsystem ausgestattet, das es erlaubt hätte, nicht allein die Fläche, sondern auch das Volumen der polaren Packeismassen zentimetergenau zu erfassen.

Während das auf dem Meer schwimmende Eis immer weniger wird, hat sich das auf Land liegende gefrorene Wasser in den letzten Jahren vermehrt, zumindest in der Antarktis. Wie die Esa berichtet, nahm der Eispanzer am Südpol von 1992 bis 2003 um schätzungsweise 45 Milliarden Tonnen zu.

Cryosat war der erste einer Serie vergleichsweise kleiner, spezialisierter und preiswerter Umweltsatelliten, die die Esa in den kommenden Jahren ins All schießen will. Wie es mit dem Programm „Living Planet“ weitergehen soll, ist nun mit großen Fragezeichen versehen. Denn die Satelliten „Goce“ zur Untersuchung des Erdmagnetfelds und „Smos“ zur Erforschung des globalen Wasserhaushalts sollten 2006 und 2007, ebenfalls an Bord von Rockot-Raketen, zu ihrer Mission starten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben