Gesundheit : Erfüllter Kinderwunsch

Künstliche Befruchtung: Mehrlingsschwangerschaften sind vermeidbar

Adelheid Müller-Lissner

Nach einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas kann mit fast gleich gutem Erfolg gerechnet werden, wenn pro Behandlung nur einer statt zwei Embryonen eingepflanzt wird. Das ist das Ergebnis einer im „New England Journal of Medicine" veröffentlichten skandinavischen Studie. Es gilt allerdings nur unter eng umschriebenen Bedingungen.

So waren die beteiligten Frauen alle unter 36 Jahre alt. Und die Embryonen wurden alle vor dem Einsetzen in den Mutterleib einem Qualitäts-Check unterzogen.

Die Forscher von der Universität Göteborg hatten fast 700 Frauen, die wegen ihres bisher unerfüllten Kinderwunsches eine In-Vitro-Fertilisation, teilweise mit Injektion von Samenzellen (ICSI-Methode), planten, nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt: Den einen wurden auf einmal zwei im Reagenzglas befruchtete Eizellen zurückgepflanzt, den anderen nur eine. Dafür wurden aber weitere befruchtete Eizellen dieser Frauen eingefroren – für den Fall eines Fehlschlags im ersten Zyklus. Dann nämlich wurde einer der konservierten Embryos aufgetaut und in einem zweiten Zyklus eingepflanzt.

Mit dieser Strategie wurde erwartungsgemäß die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften drastisch reduziert: Über 33 Prozent der Frauen, die zwei befruchtete Eizellen auf einmal eingesetzt bekamen, brachten im Erfolgsfall Mehrlinge zur Welt. Unter den Frauen, denen pro Zyklus nur eine befruchtete Eizelle eingepflanzt wurde, wurde dagegen nur eine einzige Mutter eines Pärchens: Das waren eineiige Zwillinge, für deren Entstehung es nur einer Eizelle bedurfte.

Mehrlingsgeburten, die unter natürlichen Bedingungen nur nach einer von 100 Schwangerschaften vorkommen, sind das große Problem der Fortpflanzungsmedizin seit ihren Anfängen. Sie führen vermehrt zu Fehl- und Frühgeburten und machen häufig einen Kaiserschnitt nötig.

Allerdings wurde immer wieder argumentiert, dass man dieses Risiko in Kauf nehmen müsse, um die Erfolgschancen der Behandlung zu erhöhen. In diese Debatte könnten die Ergebnisse aus Skandinavien nun frischen Wind hineintragen: 142 Geburten nach 331 Zweifach-Einpflanzungen stehen 128 Geburten nach 330 ein- oder zweimaligen Implantationen eines einzigen Embryos gegenüber. Berücksichtigt man mögliche Schwankungen, dann liegt die Minderung der Chancen bei der zweiten Gruppe höchstens bei elf Prozent. „Die Ergebnisse sind nicht ganz gleichwertig, aber die Methode ist deutlich weniger riskant für Mutter und Kind“, resümiert die Studienleiterin Ann Thurin. Allerdings gebe es mehrere Probleme zu bedenken. So lagen die Chancen, beim ersten Anlauf schon ein Kind zu bekommen, mit 27 Prozent deutlich niedriger als bei der Gruppe der Frauen, die bei dieser ersten Behandlung gleich zwei Embryonen eingepflanzt bekamen. Der zweite Anlauf brachte dann 16 Prozent der beim ersten Mal enttäuschten Frauen aus der Ein-Embryo-Gruppe das ersehnte Kind. Sie mussten sich also einem zweiten Behandlungszyklus mit all seinen Belastungen unterziehen. Allerdings brauchten sie dafür nicht noch einmal eine hormonelle Stimulation, denn die Eizellen waren ja schon vorhanden.

Ein weiteres Problem bestand aber nach Auskunft der Autoren darin, dass nicht alle eingefrorenen Embryonen das Auftauen unbeschadet überstehen. Hier gibt es offensichtlich große Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen reproduktionsmedizinischen Zentren. In die Zahlen, die die schwedischen Forscher jetzt publizierten, sind aber auch die Fehlschläge bei der Tiefkühlung eingegangen.

Die Wissenschaftler machen noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: Wenn Versicherungen nur einen Behandlungszyklus bezahlen, könnten Paare gedrängt werden, doch mehrere Embryonen auf einmal einpflanzen zu lassen.

In Deutschland lässt das Embryonenschutzgesetz Ärzten und Paaren ohnehin keine Wahl: Einerseits verbietet es, innerhalb eines Zyklus mehr als drei Embryonen zurückzusetzen – eine sinnvolle Eindämmung von Mehrlingsschwangerschaften. Zugleich gilt allerdings auch das Verbot, mehr Embryonen zu erzeugen, als gleichzeitig eingepflanzt werden können.

Die Entscheidung, welche der befruchteten Eizellen sich zu Embryonen weiterentwickeln dürfen, muss also schon vorher fallen, im Vorkernstadium. Das ist die Phase, in der die Eizelle zwar bereits befruchtet ist, aber die Zellkerne von Spermium und Eizelle noch nicht völlig verschmolzen sind.

In Skandinavien dagegen dürfen die befruchteten Eizellen sich zu Embryonen entwickeln, unter denen die Fortpflanzungsmediziner diejenigen mit den besten Entwicklungschancen auswählen können. Der Lübecker Gynäkologe Ricardo Felberbaum, Leiter des deutschen IVF-Registers, wünscht sich denn auch, dass in einem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz diese Auswahl auch in Deutschland erlaubt wird. Denn hier werden meist zwei oder drei Embryonen pro Zyklus eingepflanzt, um keine Chance auf ein Kind zu vergeben. „40 Prozent aller Kinder, die in Deutschland nach assistierter Reproduktion geboren werden, sind Mehrlinge. Dieser Prozentsatz ist zweifellos zu hoch“, so sein im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlichter Schluss.

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