Gesundheit : Erfurter Bibel: Feuchte Kompressen für hartes Pergament

Anne Strodtmann

"Die Erfurter Bibel ist ein einzigartiges Kunstwerk jüdischer Kultur und in Text, Material und künstlerischer Gestaltung ein außergewöhnliches Zeugnis des aschkenasischen Erbes." Was der international anerkannte jüdische Experte für hebräische Bibelhandschriften, Malachi Beit-Arié, so euphorisch lobt, sind zwei in Leder gebundene Bündel Pergamentblätter - an den Rändern verkohlt, durch Löschwasser aufgequollen und beim Trocknen fest verkrustet. Folgen von Kriegsschäden aus dem Februar 1945. Die zweibändige Bibel enthält den Text des Alten Testaments in Hebräisch und Aramäisch einschließlich der so genannten Massora. Dabei handelt es sich um textkritische Rand- und Schlussbemerkungen sowie die als Punktation bezeichneten Vokalzeichen an der sonst nur aus Mitlauten bestehenden hebräischen Schrift.

Beit-Arié fährt sinngemäß fort, dass es keineswegs übertrieben sei, wenn man versuche, dem Werk seinen ursprünglichen Glanz zurückzugeben. Ernst Bartelt, Chefrestaurator der Staatsbibliothek zu Berlin, in deren Besitz sich die Erfurter Bibel seit 1880 befindet, veranschlagt für deren Wiederherstellung etwa 350 000 Mark - das sind rund fünf Prozent des Versicherungswertes von sieben Millionen Mark.

Finanzhilfe durch einen Mäzen

Jetzt ist es der Staatsbibliothek gelungen, über die Kulturstiftung der Länder einen Mäzen zu gewinnen, der eine "namhafte Summe" für die Restaurierung zur Verfügung gestellt hat. Inzwischen wurde bereits damit begonnen, den ersten Band der Erfurter Bibel nach einem von Ernst Bartelt entwickelten Verfahren in der Werkstatt des Hauses II in der Potsdamer Straße zu restaurieren. Der zweite Band ist derzeit in der "Sieben-Hügel-Ausstellung" im Gropiusbau zu sehen.

Pergament zieht Feuchtigkeit an. Diesen Umstand macht man sich bei der Restaurierung zunutze. Mit Hilfe von Kompressen, die mit von Mineralien befreitem Wasser getränkt sind, müssen zunächst die verkrusteten Blätter vorsichtig voneinander gelöst werden. Dabei nutzen die Restauratorinnen die besondere Eigenschaft von Gore-Tex-Material, das Feuchtigkeit lediglich in einer Richtung passieren lässt. Das Pergament liegt dabei zwischen zwei Lagen Gore-Tex. Darüber kommt eine Lage nassen Löschkartons. Den Abschluss bildet dann auf jeder Seite eine Folie. Zum Beschweren dieses "Sandwiches" wird schließlich noch ein Filz benötigt.

In einem zweiten Arbeitsgang trennen die Restauratorinnen die mit tierischem Knochenleim verklebten Doppelblätter. Dafür verwenden sie eine warme Feuchtigkeitskompresse. Die notwendige Temperatur, bei der der Leim flüssig wird, lässt sich mit Hilfe von erhitzten Gel-Kissen erzielen. Die immer noch stark verformten Blätter kommen anschließend in eine Feuchtigkeitskammer. Das nun biegsame und formbare Pergament wird mit speziell gefertigten Gewichten glatt gestrichen und gespannt. Danach hat das Pergament bereits wieder seine ursprüngliche Beschaffenheit. Allerdings muss jetzt die zugeführte Feuchtigkeit schonend entfernt werden. Würde das Blatt an der Luft trocknen, wäre es binnen kurzem im alten Zustand: wellig verformt, hart und spröde.

Daher muss jedes Blatt einen mehrwöchigen Trocknungsprozess durchlaufen. Das Pergament wird zwischen zwei Bögen Löschkarton gelegt, von eigens dafür hergestellten Spanplatten bedeckt und mit sechs 25-Kilo-Gewichten beschwert. Die Restauratorinnen müssen den Löschkarton alle zwei Tage wechseln. Dabei wird der Pressdruck allmählich verringert, bis nach etwa sechs Wochen die endgültige Planlage des Pergaments erreicht ist. Damit die Restauratorinnen diese Arbeit überhaupt bewältigen können, wurde ein elektrisch betriebener Schwenkkran zum Transport der Gewichte installiert. Nicht zuletzt weil der sperrige Kran in den angestammten Räumen der Werkstatt nicht unterzubringen war, zogen die beiden mit den Arbeiten an der Erfurter Bibel betrauten Restauratorinnen in einen eigens zu diesem Zweck eingerichteten Raum um.

Ernst Bartelt rechnet damit, dass Ende nächsten Jahres beide Bänder der Erfurter Bibel restauriert sind und der Forschung wieder zur Verfügung stehen werden. Die Staatsbibliothek beabsichtigt, das aufwendige Werk in einer Ausstellung zu würdigen.

Die Bibel stammt aus dem Jahr 1343

Über die Herkunft der zweibändigen Bibel ist nicht sehr viel bekannt. Sicher ist, dass sie im Jahre 1343 fertiggestellt wurde. Der Auftraggeber ist wohl ein "Rabbi Shalom" gewesen. Es ist jedoch nicht bekannt, ob er in Erfurt selbst lebte oder irgendwo in Thüringen. Er muss jedoch ein wohlhabender Mann gewesen sein, denn immerhin waren die Häute von 1100 Ziegen notwendig, um die Pergamentblätter herzustellen. Ziegenhäute wurden für die Herstellung von Pergament bevorzugt, da sie weniger Fett als Schafhäute enthielten und daher die Tinte besser annahmen. Bevor das Pergament beschrieben werden konnte, musste die Oberfläche allerdings noch mit Bimsstein leicht aufgerauht werden.

Über den Schreiber des Haupttextes haben erst die Untersuchungen des Handschriftenexperten Beit-Arié Aufschluss gebracht. Über das weitere Schicksal der Bibel kann man wiederum nur spekulieren. Mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinden in Thüringen im Jahre 1349 gelangte die Bibel in ein Erfurter Kloster. Man nimmt an, dass es das Augustiner Kloster war. Dort wurde sie jedenfalls nachweislich im Jahre 1706 aufbewahrt. Im Jahre 1880 kam sie zusammen mit 14 anderen hebräischen Handschriften in die Königliche Bibliothek in Berlin, die jetzige Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz.

Wegen ihrer Größe und ihres Gewichts - jeder Band ist knapp 63 Zentimeter hoch und 47 Zentimeter breit und wiegt rund 50 Kilogramm - ist die Erfurter Bibel nicht mit anderen Schätzen der Staatsbibliothek in weiter entfernte Orte ausgelagert worden, sondern man brachte sie im angeblich bombensicheren Keller des Wirtschaftsministeriums in Berlin unter. Das Gebäude wurde jedoch am 3. Februar 1945 von einer Bombe getroffen. Feuer und Löschwasser beschädigten die kostbare Handschrift schwer. Beim Trocknen haben sich die Blätter gewellt, wurden hart und spröde. Teilweise sind sie zusammengeklebt und bildeten an den Rändern eine feste Kruste.

In diesem Zustand lagerte die Erfurter Bibel fast 55 Jahre, bevor man die Wiederherstellung des kostbaren Werkes in Angriff nahm. Diese lange Zeit wirft kein günstiges Licht auf ein generelles Problem: Viele Bibliotheken fördern die Restaurierung ihrer Schätze nicht zu dem Zeitpunkt, an dem es eigentlich geboten wäre. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Erst neuerdings ist die Aufgabe des Restaurierens von Autographen und wertvollen Büchern erheblich aufgewertet worden - sieht man einmal von der Bekämpfung des Säurefraßes in holzhaltigem Papier ab, der man sich schon in den achtziger Jahren annahm.

0 Kommentare

Neuester Kommentar