Gesundheit : Erlaubt ist, was nicht gefällt

Der Forschungsreaktor in Garching wird nun bald in Betrieb gehen können – mit waffentauglichem Uran als Brennstoff

Thomas de Padova

Im Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung wurde der Forschungsreaktor in Garching bei München Ende der 90er Jahre als „hochproblematisch und außenpolitisch bedenklich“ eingestuft. Denn für seinen Betrieb braucht man hochangereichertes Uran. Und das ist ein Stoff, aus dem Atombomben gebaut werden können.

Der über 400 Millionen Euro teure Reaktor sei weltweit der einzige neue Forschungsreaktor, der atomwaffentaugliches, hoch angereichertes Uran als Brennstoff verwenden soll, stellte das Bundesumweltministerium kurz vor Ostern noch einmal klar. Die Planer des Reaktors hätten die „internationale Abrüstungspolitik viele Jahre ignoriert".

Trotzdem dürfen die Forscher in Garching nun erleichtert aufatmen. Denn die Bundesregierung hat jetzt grünes Licht für den Forschungsreaktor gegeben (der Tagesspiegel berichtete). Das Bundesumweltministerium ermächtigte das bayerische Umweltministerium kurz vor Ostern, die Betriebserlaubnis für den Reaktor zu erteilen.

Allerdings mit gewissen Auflagen: Der Reaktor müsse bis „spätestens 2010 auf nicht atomwaffentauglichen Brennstoff umgerüstet werden“, teilte Bundesumweltminister Jürgen Trittin mit. Doch ließ der Minister offen, was das heißt. Auf genaue Vorgaben möchte er sich nach jahrelangem Kompetenzstreit mit dem Bundesforschungsministerium und der bayrischen Landesregierung nicht festlegen.

Durchleuchtete Materialien

Seit den 80er Jahren wird ein Brennstoff als waffenuntauglich eingestuft, wenn er weniger als 20 Prozent Uran-235 enthält. Im Unterschied zu hochangereichertem Uran, oft auch als „Heu“ (Highly enriched uranium) bezeichnet. Es muss mit Hilfe großtechnischer Anlagen aus natürlichem Uran gewonnen werden. Denn natürliches Uran besteht zu lediglich 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Uran-235. Den überwiegenden Anteil von 99,3 Prozent bildet das schwerere Uran-238.

Wissenschaftler experimentierten Jahrzehnte lang vorzugsweise mit Heu. Bei der Kernspaltung dieses Brennstoffs werden zahlreiche Neutronen frei. Und diese intensiven Neutronenstrahlen dringen auch in ansonsten schwer durchleuchtbare Materialien ein. Sie können feine Haarrisse in Werkstoffen sichtbar machen, aber auch die Struktur von Eiweißmolekülen offenlegen.

Bereits seit den 80er Jahren gibt es jedoch ein internationales Forschungsprogramm, das darauf ausgerichtet ist, Heu durch andere Brennstoffe zu ersetzen. Diese bestehen aus Uran-Silizium-Verbindungen, in denen das Uran in viel höherer Dichte enthalten ist. Im Gegenzug kann man dann auf eine hohe Anreicherung von Uran-235 verzichten. Mit diesem neuen Brennstoff wurde vor drei Jahren unter anderem der Berliner Forschungsreaktor am Hahn-Meitner-Institut erfolgreich umgebaut.

Zwölf Länder hätten ihre Reaktoren bereits vom Betrieb mit Heu auf einen Einsatz mit niedrigangereichertem Uran umgerüstet, sagte Abrüstungsexperte Frank von Hippel von der Princeton University kürzlich bei einer Tagung in Hannover. „Und es wird bald möglich sein, alle Forschungsreaktoren auf niedrig angereichertes Uran umzustellen.“ Alle bis auf einen: den Reaktor in Garching.

Dort dürfen Forscher demnächst mit Heu arbeiten, das zu 93 Prozent aus Uran-235 besteht. Pro Jahr sollen etwa 40 Kilogramm Heu aus Frankreich geliefert werden, nachdem sich die USA mit Verweis auf das Missbrauchsrisiko zunächst geweigert hatten, den Brennstoff zur Verfügung zu stellen.

In Garching hat man sich für Heu entschieden, um in der Forschung ganz vorne mitzuspielen und den Reaktorkern möglichst klein und kompakt zu gestalten. Zudem verwenden die Wissenschaftler dort einen sehr dichten Brennstoff. Was andere zur Umrüstung eingesetzt haben, das dient in Garching dazu, einen noch intensiveren Neutronenstrahl zu erzeugen.

Hält man an den hohen wissenschaftlichen Zielen fest, so lässt sich der Garchinger Forschungsreaktor heute nicht mehr ohne Weiteres umbauen. Zumindest nicht ohne erhebliche Mehrkosten. Man bräuchte sonst nämlich einen noch einmal sehr viel dichteren Brennstoff. Und den gibt es bislang noch nicht.

Ein viel versprechendes Material für einen künftigen Brennstoff mit noch höherer Urandichte ist Uran-Molybdän. „An diesem Brennstoff wird im Moment geforscht“, sagt Klaus Böning von der TU-München, der an alternativen Konzepten arbeitet. Böning wäre „heilfroh“, wenn es gelänge, den Gehalt von Uran-235 bis 2010 von derzeit 93Prozent auf 50 Prozent zu reduzieren.

Das ist genau die Obergrenze, die die Bundesregierung zieht. „Wir haben keine genauen Prozentzahlen genannt", sagt Michael Schroeren, Pressesprecher des Bundesumweltministeriums. Es dürften aber 2010 „höchstens noch 50 Prozent“ Uran-235 für den Brennstoff verwendet werden. „Und es dürfen auch weniger sein. Die Bundesregierung wird die Entwicklung der technischen Möglichkeiten jedenfalls sehr aufmerksam verfolgen.“

Denn zufrieden kann mit dieser Vorgabe im Umweltministerium niemand sein. Zwar werden auch in den USA die Bemühungen der deutschen Regierung anerkannt. Auf internationalem Parkett bleibt es aber das erklärte Ziel, ganz auf atomwaffenuntauglichen Brennstoff umzuschwenken: also auf einen Uran-235-Gehalt von weniger als 20 Prozent.

In der Vergangenheit haben etliche Staaten ihre Forschungsreaktoren als Einstieg in Nuklearwaffenprogramme genutzt. Länder wie Nordkorea oder der Iran könnten dies auch in Zukunft noch versuchen. Nicht zuletzt deshalb soll waffenfähiges Uran in der Forschung aus dem Verkehr gezogen werden. Und die rot-grüne Bundesregierung stünde im Zuge dieser internationalen Bemühungen schlecht da, wenn Deutschland künftig den weltweit einzigen Forschungsreaktor hätte, in dem noch waffentaugliches Material benutzt wird.

Der nun getroffene Kompromiss lässt viele Fragen offen. Unter anderem, ob die Forschung dafür so lange blockiert werden musste. Andererseits nimmt er die Wissenschaftler gleich mehrfach in die Verantwortung: Sie müssen den Kritikern nun nicht nur mit Spitzenforschung in Physik und Medizin antworten, sondern auch aktiv an der Entwicklung neuer Brennstoffe mitwirken.

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