Gesundheit : Ernährung: Bio - logischerweise gesünder?

Adelheid Müller-Lissner

Fest steht: Wir brauchen die pflanzlichen Nahrungsbestandteile, wir bezeichnen sie zu Recht als "gesund": Sie liefern uns nicht nur Vitamine, Mineralsalze und Ballaststoffe. Als kalorienarme Lebensmittel gelten Früchte und Gemüse in den von Übergewicht bedrohten Industrienationen auch als wichtigste Bestandteile einer "vernünftigen" Ernährung. Wer wenig Fleisch und viel Pflanzliches zu sich nimmt, vermindert dadurch sein Risiko, übergewichtig zu werden, und sogar das, an Krebs zu erkranken. Fest steht allerdings auch: Durch Obst und Gemüse nehmen wir mehr Schwermetall und Pflanzenschutzmittel auf als durch jedes andere Lebensmittel.

Kann das Dilemma durch den Konsum biologisch erzeugter Lebensmittel gelöst werden? Sind sie die gesünderen unter den gesunden Energielieferanten, weil sie weniger Schadstoff enthalten? Da die Biobauern sich verpflichten, auf den Einsatz von "Chemie" zu verzichten, ist das eigentlich zu erwarten. Aufsehen erregte deshalb vor kurzem die Mitteilung, deutsche Ernährungsmediziner hätten festgestellt, dass sich Bio-Obst und -Gemüse in der Schadstoffbelastung kaum von solchem aus konventionellem Anbau unterscheide. Sie rief heftigen Widerspruch hervor, etwa beim Bio-Bauernverband Demeter.

Eine zweite Stellungnahme, an der auch Reinhold Kluthe (Uni Freiburg), Präsident der Deutschen Akademie für Ernährungsmedizin, beteiligt war, klingt nun wesentlich differenzierter. Sie ist das Resümee einer Tagung Ende September in Erlangen, bei der auch das Thema "Risikominderung durch ökologische Produktion von pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln?" auf der Tagesordnung gestanden hatte.

Eine direkte "gesundheitsfördernde Wirkung" für den Einzelnen sei vom Konsum von Bio-Früchten oder -Getreide im Vergleich zu Produkten aus konventionellem Anbau nicht zu erwarten, so die Ernährungsmediziner. Was den Gehalt an wünschenswerten Inhaltsstoffen betrifft, so ist diese Mitteilung nicht weiter erstaunlich: Schon länger ist bekannt, dass der Vitamingehalt der pflanzlichen Nahrungsmittel weit mehr von Standort- und Sortenunterschieden als von der Anbaumethode abhängt.

Die Experten betonen aber weiter, man könne auch nicht sagen, dass die Bio-Produkte heute schadstofffrei oder auch nur schadstoffärmer seien. Auch hier ist der Standort wichtiger: Schwermetalle wie Blei oder Cadmium kommen aus dem Boden ins Gemüse. In den Boden kommen sie allerdings nicht durch die Hand des Bauern, sondern als Schadstoffe aus der Luft, die wir Abgasen von Kraftfahrzeugen oder Müllverbrennungsanlagen verdanken. Dann finden sie sich vor allem in Wurzelgemüsen, weil sie von den Wurzeln aufgenommen werden. Der Staub, der auf dem Blattgemüse bleibt, kann dagegen leicht abgewaschen werden.

Differenzierter muss die Sache bei den Nitraten gesehen werden. Denn sie geraten vorwiegend durch Düngemittel in die Pflanzen. Die Ernährungsmediziner erwähnen denn auch, dass der Gehalt an Nitrat "in der Regel" bei Lebensmitteln aus konventionellem Anbau höher sei. Die Regel kennt Ausnahmen: Denn auch hoher Gülle-Einsatz - in der biologischen Landwirtschaft durchaus nicht verpönt - führt zu erhöhten Nitrat-Konzentrationen. Nitrat wird im Körper zu giftigem Nitrit reduziert und kann sich mit den Aminen, Abbauprodukten von Eiweißen, zu Nitrosaminen verbinden, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen.

Viel wichtiger und durch diese Fakten keinesfalls überholt ist allerdings die eingangs erwähnte Botschaft, die alle Ernährungsmediziner wieder und wieder aussenden: Das Essen von Obst und Gemüse - täglich fünfmal, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fordert - verringert das Krebsrisiko. "Dabei ist es unerheblich, ob dies mit Bioprodukten oder herkömmlich hergestellten Nahrungsmitteln erfolgt", sagen die Ernährungsmediziner.

Die Referenten des Kongresses waren sich andererseits aber darin einig, dass "der Verzehr von ökologisch angebauten Produkten und die Ausweitung des ökologischen Anbaus im Sinne eines positiven Umweltbewusstseins wünschenswert" sei. Das aber heißt: Letztlich kann eine Landwirtschaft, die auf den Einsatz von "chemischen" Pflanzenschutz- und Düngemitteln verzichtet, doch der Umwelt und damit der Gesundheit dienen. Wenn auch nicht unbedingt schon der des einzelnen Konsumenten hier und heute.

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