Ernährung von Schwangeren : Die entscheidenden Jahre

Was eine werdende Mutter isst und wie sie ihr Baby nach der Geburt ernährt, beeinflusst dessen Gesundheit ein Leben lang. Studien zeigen: Aus dicken Kindern werden oft dicke Erwachsene. Ein Aktionsbündnis will Schwangere aufklären und beraten.

von
Besser so. Apfel statt Alkohol. Foto: Imago
Besser so. Apfel statt Alkohol. Foto: ImagoFoto: IMAGO

Wie wird das Baby aussehen? Braune oder blaue Augen, die Hände eher von dir oder von mir? Das fragen sich werdende Väter und Mütter in den aufregenden Monaten des Wartens. Die weitaus wichtigere Frage lautet natürlich: Wird es dem Kind gut gehen, wird es gesund sein, wenn es auf die Welt kommt? Vieles daran ist „Schicksal“, liegt in den Genen und in Umständen, die Eltern nicht beeinflussen können. Doch nicht alles. „Gene mögen die Klaviatur des Lebens darstellen, aber die Umweltbedingungen in der frühen Entwicklung komponieren die Melodie“, formuliert die US-Biologin Thea Colborn.

Das Zitat findet sich auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft Perinatale Programmierung der Klinik für Geburtshilfe der Charité. Es passt gut dorthin: Den Körper der Mutter kann man als die früheste „Umwelt“ eines Kindes betrachten. Wie die Schwangere sich fühlt, wie viel sie sich bewegt, isst und trinkt, ist für sein Wachsen und Gedeihen von entscheidender Bedeutung. Frauen, die mit deutlichem Übergewicht in die Schwangerschaft „starten“ und dann unverhältnismäßig viel zunehmen, gefährden nicht allein sich selbst, weil ihr Diabetesrisiko akut und langfristig steigt. Sie bürden auch ihrem Kind eine im wahrsten Sinn schwere Hypothek auf: Denn ihre Babys sind überdurchschnittlich oft selbst schon bei der Geburt besonders schwer. „Das führt zu schwierigeren Entbindungen“, erläutert Joachim Dudenhausen, ehemaliger Direktor der Charité- Entbindungskliniken. „Es erhöht aber auch das Risiko der Kinder, später an einem Diabetes vom Typ 2 zu erkranken.“

Aber auch wenn eine Frau deutlich zu dünn in die Schwangerschaft geht und während dieser Zeit zu wenig isst, hat das negative Auswirkungen auf die pränatale Prägung des Stoffwechsels ihres Kindes. Schon länger ist zudem bekannt, dass Frauen, die rauchen und während der Schwangerschaft Alkohol trinken, dem Ungeborenen schaden. 10 000 Kinder werden in jedem Jahr in Deutschland mit FAS (Fetales Alkohol-Syndrom) geboren. Beim Alkohol kann keiner eine garantiert unschädliche Menge festlegen. Frauenärzte halten es für sicherer, während dieser Zeit ganz darauf zu verzichten.

Perinatal, das heißt rund um die Geburt. Das Projekt „9+12. Gemeinsam gesund in Schwangerschaft und erstem Lebensjahr“, das im Rahmen des Nationalen Aktionsplans IN FORM durch den Bund gefördert wird, will werdende und frischgebackene Familien genau in dieser Zeit mit Informationen unterstützen. Statt sie zu verunsichern, wolle man ihnen „widerspruchsfreie Informationen“ bieten, sagt Projektleiterin Cornelia Wäscher. Die Initiative setzt sich zudem für eine lückenlose Beratungskette ein, die von Frauenärztin oder Frauenarzt über die Hebamme bis zu den Kinderärzten geht.

Ein neues Bündnis will möglichst viele Frauen erreichen

Auch ein zweites von IN FORM gefördertes Projekt mit dem Namen „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“ bietet wichtige Informationen. Gerade haben sich beide, zusammen mit den Berufsverbänden der Frauen- und der Kinderärzte, zum „Bündnis Frühkindliche Prävention – gemeinsam vorsorgen“ zusammengeschlossen. Es kämpft dafür, dass Beratungen zu Ernährung und Bewegung fest in Vorsorgeuntersuchungen verankert werden. Der Vorteil: Diese Untersuchungen beim Gynäkologen und später beim Kinderarzt gibt es ohnehin schon, sie werden gut angenommen. „Durch den niederschwelligen Zugang könnten wir auch Risikogruppen erreichen“, sagt Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

„Wie die Ernährung aussieht, ist in den ersten Lebensjahren wichtiger als in jedem anderen Alter“, urteilt Kollege Berthold Koletzko von der Universität München. Die frühe Programmierung bestimme die Gesundheit des gesamten Lebenslaufes mit. Dudenhausen und Koletzko machen sich Sorgen, weil heute deutlich mehr junge Frauen mit Übergewicht in die Schwangerschaft gehen als noch vor 20 Jahren. Und weil, wie das Robert Koch-Instituts gezeigt hat, 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen ein paar Kilo mehr auf die Waage bringen, als für ihr Alter und ihre Größe gut wären. Eine wachsende Gruppe von ihnen erfüllt sogar die Kriterien der „Fettleibigkeit“. Inzwischen ist erwiesen, dass dickere Kinder ein höheres Risiko haben, auch dickere Erwachsene zu werden. Nicht unbedingt leichtes, aber starkes Übergewicht erhöht das Risiko für Krankheiten, die später das Leben beschwerlich machen können: „Studien zeigen, dass starke Adipositas den Verlust von 19 gesunden Lebensjahren bedeutet“, so Koletzko.

In Bayern überprüft eine Studie, ob die Beratung tatsächlich etwas bringt

Aus der Forschung kommen aber auch klare Empfehlungen. So hat eine bayerische Studie gezeigt, dass gestillte Kinder seltener zu dick sind, und zwar auch, wenn sie den Babyschuhen entwachsen. Der kleine Unterschied, der große Folgen haben kann, liegt im Eiweißgehalt, der bei Muttermilch niedriger ausfällt als bei Kuhmilch. Industriell hergestellte Babymilch mit niedrigerem Eiweißgehalt hatte in Studien ähnliche Auswirkungen auf die Gewichtskurve der Babys wie Muttermilch. Der Zeitpunkt, zu dem die ersten Breis auf den Speiseplan kommen, sei dagegen für die Gewichtsentwicklung nicht relevant, sagt Koletzko.

Was bringt es für die Gesundheit von Mutter und Kind, wenn Schwangere und junge Familien gezielter und ausführlicher als bisher über diese Punkte beraten werden? Wissenschaftlich wird das in großem Maßstab in Bayern untersucht, und zwar in der Studie „Gesund leben in der Schwangerschaft“ (GeliS), die der Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU München leitet. In zehn bayerischen Regionen sollen 2500 Schwangere in ihren Frauenarztpraxen an Sitzungen teilnehmen, in denen entweder ein eigens entwickeltes Konzept angewandt oder nur allgemeine Tipps für gesunden Lebensstil gegeben werden. Natürlich wollen die Forscher herausfinden, ob die Gewichtskurve bei den Schwangeren, die in den Genuss des neuen Programms kommen, günstiger ausfällt, ob sie während der Schwangerschaft gesünder sind als die Kontrollgruppe und ob ihre Entbindung einfacher verläuft. Sie interessieren sich aber auch dafür, ob die Frauen später körperlich und seelisch gesünder sind. Und dafür, wie es den Kindern geht, wenn sie in die Schule kommen. Bis diese Ergebnisse vorliegen, werden also noch ein paar Jahre ins Land gehen. Doch selbst dann haben die teilnehmenden Kinder den größten Teil ihres Lebens noch vor sich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar