Gesundheit : Ernst Bartelt: Eine Miniwerkstatt zur Weltgeltung geführt

Anne Strodtmann

Der Chefrestaurator der Staatsbibliothek ist in den Ruhestand gegangen. Ernst Bartelt ist es zu verdanken, dass die Werkstatt im Scharounbau am Potsdamer Platz Weltgeltung erwerben konnte. Als Ernst Bartelt am 1. Januar 1971 seinen Dienst in der Staatsbibliothek Berlin aufnahm, war von Weltgeltung noch keine Spur. Die Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland lagerten, waren gerade erst nach Berlin gebracht und behelfsmäßig im "Bendlerblock" untergebracht worden.

Für eine Restaurierungswerkstatt, die der Bedeutung der Stabi entsprochen hätte, war nur wenig Platz vorgesehen: 20 Quadratmeter sollten ausreichen, um beschädigte Bücher aus einem Bestand von drei Millionen Bänden zu restaurieren. Ebenso dürftig war die Personalplanung. Lediglich die Hälfte seiner Arbeitszeit sollte der Restaurator in die Wiederherstellung der Bücher investieren. Damals war es üblich, Bücher hauptsächlich von Fall zu Fall für Ausstellungen zu restaurieren. In der übrigen Zeit sollte der Restaurator Buchsignaturen drucken.

Eine unterbelichtete Seite

Diese Vorstellungen entsprachen dem Zeitgeist. Restaurierung war damals noch eine völlig unterbelichtete Seite der Bücherpflege. Die Wende hat Bartelt mit unkonventionellen Initiativen herbeigeführt. Zunächst überzeugte er den Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit einer sehr einfachen, aber plausiblen Rechnung: Er erinnerte an eine Kunstauktion in New York, bei der asiatische Miniaturen, so genannte Mogulpapiere, für eine Million Mark versteigert worden waren. Wenn auch die Staatsbibliothek so kostbare Objekte besitzt, folgerte Bartelt, muss sie dafür sorgen, dass sie nur unter besten Bedingungen gelagert und bei Bedarf in einer eigenen Werkstatt restauriert werden. Der gelernte Buchbindermeister setzte sich noch einmal auf die Schulbank und studierte als Gasthörer an der Freien Universität fünf Semester Chemie. Darüber hinaus hörte er Vorlesungen in Kunstgeschichte und in Paläographie (Handschriftenkunde). Mit diesem Rüstzeug wagte er weitere Vorstöße zur Aufwertung der Restaurierung.

Noch in den 70er Jahren kamen bei den Tagungen der Arbeitsgemeinschaft der Archiv- und Grafikrestauratoren (IADA) kaum mehr als 60 Mitglieder zusammen - ein Indiz dafür, welche Randexistenz die Restauratoren führten. Der große Durchbruch ereignete sich 1987. In diesem Jahr hatte Bartelt die Restauratoren zu einer Tagung nach Berlin geholt. Damit hatte er sich auf ein Risiko eingelassen. Denn außer einem Zuschuss von 50 000 Mark aus dem Landeshaushalt verfügte er über keine finanziellen Mittel. Um die Tagungskosten in Höhe von 130 000 Mark vorstrecken zu können, musste er einen Kredit aufnehmen. Mindestens 400 Teilnehmer sollte er zusammenbringen, so die Auflage, dann sollten ihm die Auslagen ersetzt werden. 411 Restauratoren aus 21 Ländern waren schließlich zusammengekommen, um ein Thema zu erörtern, das alle anging: die Massenrestaurierung.

Heute hat die Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek Weltgeltung. Die Fachkenntnis, die sich der gelernte Buchbindermeister Ernst Bartelt schnell erworben hatte, war im In- und Ausland gefragt. 1981 restaurierte Bartelt für das Westfälische Landesmuseum in Soest ein so genanntes Nequambuch. Dabei handelte es sich um eine mittelalterliche Pergamenthandschrift mit 13 Miniaturen. Im Jahr zuvor war er bereits maßgeblich an der Einrichtung einer Restaurierungswerkstatt in Saana, der Hauptstadt des Jemen, beteiligt. Ein anderer Auftrag führte ihn zu Restaurierungsarbeiten in die Nationalbibliothek im pakistanischen Karatschi. 1985 unterstützte er polnische Restauratoren bei der Erhaltung von Originaldokumenten aus dem KZ Stutthof bei Danzig.

Darüber hinaus galt seine Aufmerksamkeit dem Nachwuchs. Alle in der Staatsbibliothek beschäftigten Restauratorinnen hat Bartelt ausgebildet. Daneben bot er Schulungen für ausländische Restauratoren aus insgesamt 13 Ländern von Japan bis Mexiko, von Rußland bis Italien an.

Überall auf der Welt zeichnete sich ab, dass die Restaurierung großer Mengen von Büchern das Problem der kommenden Jahrzehnte sein würde. Besonders gravierend dabei: der Zerfall der Holzschliffpapiere, wie sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts üblich waren. Unter dem Einfluss der Luftfeuchtigkeit entwickeln sich Säuren, die das Papier nach und nach zerfressen. Damit sind weltweit riesige Bestände in allen Bibliotheken gefährdet. Auf dem Berliner Kongress von 1987 kam der Durchbruch: Das Batelle Institut engagierte sich für die Entwicklung einer ungefährlichen Methode zur Entsäuerung.

Forschungen zur Entstehung der Papierschäden steckten auch beim Kupferfraß noch in den Anfängen. Dieses Schadensbild entsteht vor allem bei farbigen Illustrationen und Landkarten, bei denen kupferhaltiges Grün verwendet worden ist. Aus den Kupferverbindungen entstehen im Laufe der Zeit aggressive Säuren, die das Papier zerfressen. Allein in der Staatsbibliothek waren etwa 300 000 Dokumente durch den Kupferfraß geschädigt. Inzwischen gibt es Methoden, die geschädigten Bücher und Landkarten zu restaurieren, ohne dass durch die Eingriffe neue Schäden entstehen.

Eines war Ernst Bartelt von Anfang an klar: Wenn man in den Bibliotheken so weiter machte wie vorher, konnte man "bei der Restaurierung mehr falsch machen, als an Substanz retten". Als fataler Irrtum sollte es sich später erweisen, dass man in den 50er Jahren kostbare Dokumente in Kunststoff einschweißte. Damit sollten alte Handschriften vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt und so für die kommenden Generationen bewahrt werden. Aber die Plastikhülle alterte rasch und wurde brüchig. Das Schlimmste war jedoch, dass zwischen Kunststoff und Papier eine feste Verbindung entstand, die sich ohne irreparable Schäden für das kostbare Dokument kaum mehr lösen ließ. Dagegen sind die so genannten Turfan-Fragmente, uralte Papierschnipsel von der alten Seidenstraße, die seit nunmehr 100 Jahren hermetisch abgeschlossen unter Glas lagern, in bestem Zustand.

Das ist Bartelts zweite Forderung an Restaurierungsarbeiten: Sie müssen auch wieder rückgängig gemacht werden können, wenn es neue und bessere Methoden gibt. Bartelt selbst hat neue Methoden in die Restaurierung von Papier eingeführt. Dabei machte er sich die chemischen und physikalischen Eigenschaften der Materialien zu Nutze. Ein Beispiel ist die Klimakammer, in der bei kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit beschädigtes und spröde gewordenes Pergament wieder geschmeidig wird. In der Klimakammern lassen sich auch verblasste Farben wieder auffrischen: Ein Ventilator verwirbelt die feuchte Luft in der Klimakammer; die Wasserpartikel reißen auch die Verunreinigungen mit.

Hitlers gefälschte Tagebücher

Die ständige Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung brachte in den 80er Jahren einen eher ungewöhnlichen Auftrag mit sich: Es ging um die Prüfung der angeblichen Hitler-Tagebücher. Nicht allein anhand sprachlicher und inhaltlicher Untersuchungen wurden die Aufzeichnungen schließlich als Fälschungen entlarvt. Auch die Materialprüfung zeigte, dass die Kladden erst nach dem Krieg geschrieben worden waren. "Im Grunde war das gar nicht so kompliziert", erzählt Bartelt, "wir hatten Oktavhefte aus der selben Zeit, aus der die Hitlertagebücher stammen sollten. Ein Vergleich zeigte, dass die angeblichen Tagebücher nach dem Krieg hergestellt worden waren." Verräterisch waren die Linien in den Heften: Sie waren eindeutig im Offsetdruck hergestellt worden. Der wurde aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Bei Heften aus den 30er und 40er Jahren wurden Liniermaschinen benutzt, bei denen mit Tinte getränkte Fäden die Linien auf das Papier brachten.

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