Ernst Ludwig Heim : Der Armenarzt aus Spandau

Aus unserer Reihe MedizinMänner: Über den Armenarzt Ernst Ludwig Heim

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Auf den Zustand der Berliner Straßen zu schimpfen hat Tradition. Im 18. Jahrhundert geht es allerdings nicht um ein paar Löcher im Teer. Einige Straßen in der Stadtmitte sind zwar gepflastert, aber der Rest ist je nach Jahreszeit Schlamm- oder Staubpiste. Davon kann Ernst Ludwig Heim ein Lied singen: Ab 1775 versorgt er Patienten in Berlin, Oranienburg und Potsdam. 3600 Meilen zu Pferd soll er zurückgelegt und dabei 30 kleinere Unfälle gehabt haben – in einem Jahr. Heim lebt nach seiner Promotion zuerst in Spandau. Hier ist er Stadtphysikus und wenig später für den gesamten Kreis zuständig. Als eine Art Amtsarzt hat er zusätzlich zur Behandlung der Patienten die Aufsicht über 2000 Kollegen. In Spandau kommt ihm die Idee, eine Armensprechstunde einzurichten. Der Spruch „Gesund allein macht Doktor Heim“ dürfte aus dieser Zeit stammen. Und der trifft es erstaunlich oft. Medizin im 18. Jahrhundert ist eine eher rätselhafte Sache, diagnostische Geräte gibt es kaum, auf Blutdruckmessungen, aseptische Bedingungen und Narkose müssen Patienten noch lange warten. Stattdessen sind sie auf die fünf Sinne des Arztes und seine Intuition angewiesen. Die und seine Erfahrung machen Heim zum begnadeten Diagnostiker. Er unterscheidet gefährliche von ungefährlichen Pocken an der Färbung, erkennt Krankheiten am Geruch: Scharlach erinnert ihn an „alten Käse und Heringslake“. Dass er seine Diagnosen ruppig verpackt und sich dabei auch nicht um Standeszugehörigkeiten schert, tut seiner Karriere keinen Abbruch. Einem Leutnant sagte er: „Husten kommt aus der Lunge oder vom Saufen. Aus der Lunge kommt Ihr Husten nicht.“ Und Hans Ferdinand von Arnim wird zurechtgewiesen, er müsse „hier gegen alle Leute sehr höflich sein“ und dürfe sich „nicht einbilden, etwas Besseres zu sein“.

Als 33-Jähriger verlobt sich Heim mit der 15-jährigen Charlotte. Sie ziehen nach Berlin an den Gendarmenmarkt, die Armensprechstunde kommt mit. Heims Ruf hat da bereits die preußische Königsfamilie erreicht. Als Königin Luise 1810 stirbt, hält er ihre Hand, mehr kann auch er nicht mehr tun. Als Arzt, schreibt er, kenne man die Ungewissheiten aller menschlichen Dinge recht gut. Doch er sorgt dafür, dass es weniger werden: Durch arsenhaltige Mittel zur Fieberbekämpfung und die Pockenimpfung. Er weiß, dass Mägde, die sich mit Kuhpocken infiziert haben, selten an echten Pocken erkranken. Nach Versuchen von Edward Jenner führt Heim die Kuhpockenimpfung in Berlin ein. 1834 stirbt er. Er war kein Vertreter einer neuen, modernen Medizin. Durch seine scharfsinnigen Beobachtungen und undogmatischen Schlüsse wurde er dennoch zum Mitbegründer eines modernen Gesundheitswesens in Berlin.

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