Gesundheit : Ernst Mayr: "Leben ist mehr als Moleküle"

Mitte der 20er Jahre haben Sie in Berlin studiert.

Ernst Mayr (96) ist emeritierter Professor für Zoologie an der Harvard-Universität. Mayr ist in Deutschland aufgewachsen und arbeitete zunächst am Berliner Museum für Naturkunde. 1932 wurde er Kustos am American Museum of Natural History in New York, 1953 ging er an die Harvard-Universität. Mayr hat als Vogelkundler, Systematiker, Evolutionstheoretiker und "Biophilosoph" sein Fach entscheidend geprägt.

Mitte der 20er Jahre haben Sie in Berlin studiert. Was waren Ihre Eindrücke?

Damals gab es zwei verschiedene Arten von Berlinern - welche, die Geld hatten, und welche, die keins hatten. Die mit Geld haben damals in den 20er Jahren dieses herrliche Leben geführt, wozu Cabarets, Tanzhallen und Theater gehörten. Aber dieses Berlin hat für die meisten, zum Beispiel für arme Studenten wie mich, gar nicht existiert. Während der meisten Zeit meines Berliner Aufenthalts wohnte ich in einer Dachkammer und schlief auf einer Pritsche, einer Art Feldbett. Die Leute in dieser Dachkammer waren nur durch Vorhänge getrennt. Wir haben uns nicht darüber beklagt. Dann wurde mir von einer Pfarrerswitwe ein Zimmer in der Borsigstraße angewiesen. Aber das war voller Wanzen. Die erste Nacht konnte ich kaum schlafen. "Wir haben keine Wanzen", sagte mir die Frau am nächsten Tag. In der nächsten Nacht habe ich dann die Tiere gefangen und sie in eine Streichholzschachtel getan. "Wir haben keine Wanzen", sagte die Frau wieder. Da zeigte ich ihr die toten Tiere in der Streicholzschachtel. Damit war ihr Argument widerlegt. Damals war in Berlin fast alles verwanzt.

Woran erinnern Sie sich noch?

Eigentlich habe ich die Zeit sehr genossen. Ich fuhr jeden Samstag und Sonntag mit der Vorortbahn raus aus Berlin. Dann bin ich vier bis sechs Stunden gelaufen, um Vögel zu beobachten. So war das Leben. Und wenn es einem besonders gut ging und ich mal extra Geld hatte, dann aß ich im Restaurant Aschinger. Das teuerste und beste im Aschinger war das Hühnerfrikassee mit Reis. Einmal im Monat konnte man sich das leisten.

Sie haben als Biologie viel Zeit in der freien Natur und auf Expeditionen zugebracht. Heute scheint der Platz des Forschers dagegen das Labor zu sein.

Nicht nur an der Gestalt der Tiere, auch an Molekülen lässt sich die Evolution studieren. Ein Hauptzweck des Humanen Genomprojekts besteht darin, festzustellen, wie stark sich die Gene des Menschen von denen der Tiere unterscheiden und welche Folgen das etwa für Krankheiten hat. Aber das erfordert auch, dass sich die Forscher mit Tieren und Pflanzen beschäftigen. Man kann diese Fragen nicht einfach durch das Studium der Moleküle beantworten.

Für Sie ist die Biologie eine Brücke zwischen den "harten" Naturwissenschaften und den "weichen" Geisteswissenschafen.

Die Trennlinie zwischen "hart" und "weich" geht direkt durch die Biologie hindurch. Es gibt Gebiete wie die Zellbiologie, die philosophisch ganz nah an der Physik stehen. Andere Gebiete der Biologie wie die Evolutionsbiologie beschäftigen sich mit der Geschichte der Organismen, so dass sie eher den Geschichtswissenschaften nahestehen. Die Physiker dagegen beschäftigen sich nicht mit der "Geschichte der Atome". Für ein Elektron und seine Eigenschaften spielt es keine Rolle, ob es seit einer Milliarde Jahre auf der Erde war oder gerade vom Andromedanebel zu uns gekommen ist. Es ist immer das gleiche Elektron. Diese Geschichtslosigkeit ist typisch für Physik und Chemie. Das ist in der Evolutionsbiologie anders. Dort fragt man: Wie ist denn der Mensch entstanden? Warum sind die Dinosaurier ausgestorben? Warum findet man in alten geologischen Schichten keine Wirbeltiere? All diese Fragen der Evolution kann man nur geschichtlich beantworten.

Ernst Mayr (96) ist emeritierter Professor für Zoologie an der Harvard-Universität. Mayr ist in Deutschland aufgewachsen und arbeitete zunächst am Berliner Museum für Naturkunde. 1932 wurde er Kustos am American Museum of Natural History in New York, 1953 ging er an die Harvard-Universität. Mayr hat als Vogelkundler, Systematiker, Evolutionstheoretiker und "Biophilosoph" sein Fach entscheidend geprägt.

Warum sind die Biologen erst jetzt ihrer Geschichtlichkeit bewusst geworden?

Sie waren so geprägt von der Physik, dass sie nie auf eine andere Idee kamen. Man glaubte, dass alles in der Biologie auf physkialischen Naturgesetzen beruhte, auf einem Entweder-Oder. Dabei ist in der Biologie die Population die Haupteinheit, und die besteht nun einmal aus einzigartigen Wesen, ein Begriff, der Physikern komisch vorkommt. Der Mittelwert ist eine Abstraktion, die wirklichen Werte sind die Einzelheiten. Der zweite Unterschied zwischen physikalischer und biologischer Welt: In der Physik wird alles durch Naturgesetze erklärt. In der Welt der lebenden Dinge beruht dagegen alles auf zwei Erklärungsweisen. Da sind zum einen die Naturgesetze, zum anderen aber auch das genetische Programm. Kein Finger, den man beugt, kein Bild, das man sieht, kein Fall von natürlicher Auslese geschieht, ohne dass das genetische Programm aktiv ist. Wo man dieses Programm findet, ist das Leben. Wo es das nicht gibt, da hat man die unbelebte Welt. Das ist ein leicht definierbarer Unterschied.

Bedroht der Raubbau an der Natur die Artenvielfalt?

Jeden Tag werden im Amazonasgebiet mehrere Quadratkilometer abgeholzt. Dabei gehen Arten zugrunde, die nur dort heimisch sind. Es müsste verboten werden, Urwälder abzuholzen. Und das nicht nur wegen des Artenschutzes, sondern auch wegen der Bedeutung des Waldes für das Klima. Die Bäume "schlucken" Kohlendioxid und vermindern so die Gefahr einer Erwärmung der Erde.

Wie sehen Sie die Situation der deutschen Biowissenschaften?

Ich habe gehört, dass sie die Habilitation abschaffen wollen. Dem würde ich 100-prozentig zustimmen. Die Zukunft liegt in den jungen Wissenschaftlern, nicht den alten Ordinarien. Den jungen Leuten muss man helfen.

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