Gesundheit : Erregende Schmuggelware

Das Virus der Vogelgrippe verbreitete sich auf Handelsrouten – Begünstigte lückenhafter Impfschutz das Entstehen der gefährlichen Variante?

Hermann Feldmeier

Yang Hauchun ist derzeit ein gefragter Mann. Der Spezialist für Tierkrankheiten der Pekinger Agraruniversität hat nämlich eine Erklärung für die schlimmste Vogelgrippeepidemie aller Zeiten parat. Nach Meinung des Experten wurde das Influenzavirus durch Zugvögel eingeschleppt, die im Winterhalbjahr von Korea und Japan nach Vietnam, Thailand und Indonesien fliegen.

„Der Flugkorridor deckt sich mit dem schlauchförmigen Gebiet, in dem die ersten Fälle der Vogelgrippe aufgetreten sind“, sagt Hauchun. Er verweist auf die Tatsache, dass Zugvögel wie Wildenten oder Gänse Viren über Tausende von Kilometer verschleppen können. Erkranken sie selbst, so stürzen sie während des Fluges ab – wie in der Provinz Jiangsu, in der rund 10000 verendete Zugvögel gefunden wurden.

Diese Erklärung mag plausibel klingen, stimmt aber nicht mit der Chronologie überein. Zwar hat Südkorea bereits am 12. Dezember der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Ausbruch von Vogelgrippe gemeldet, Japan jedoch erst am 16. und China am 28. Januar. Auch die Meldungen von Thailand, Kambodscha, Laos und Indonesien liefen nahezu zeitgleich Ende Januar ein. Selbst wenn man einräumt, dass die ersten Fälle von Vogelgrippe in China zwei bis drei Wochen früher auftraten als offiziell zugegeben, stimmt der Zeitrahmen nicht.

Denn hätten Zugvögel den Erreger quasi Huckepack von Nord nach Süd verschleppt, dann müsste sich das auch im zeitlichen Verlauf der Hühnerpest widerspiegeln: Nach Korea und Japan hätte China als nächstes Land betroffen sein müssen. Dazu passt nicht, dass - wie man inzwischen weiß - in Indonesien und Vietnam bereits seit Mitte 2003 und in Thailand seit Mitte November die Vogelgrippe grassierte.

Nach Darstellung des britischen Wissenschaftsmagazins „New Scientist" ging die Epidemie von einem Ereignis aus, das sieben Jahre zurückliegt. Damals raffte das Virus H5N1 die Geflügelpopulation Hongkongs dahin – und sechs Menschen. Um eine Ausbreitung des Erregers auf das Hinterland zu verhindern, begannen chinesische Geflügelproduzenten eine groß angelegte Impfkampagne.

Denkbar ist, dass das Virus des verwendeten Impfstoffs nicht hundertprozentig mit der Variante identisch war, die die Epidemie in Hongkong ausgelöst hatte. In diesem Fall hätte der Impfstoff nur einen „oberflächlichen“ Schutz gewährt. Die Mehrzahl der geimpften Tiere wäre zwar nicht erkrankt, hätte gleichwohl aber Erreger beherbergen können.

Unter dem Druck der durch die Impfung aktivierten Abwehrkräfte wären dann just jene Virus-Varianten selektiert worden, gegen die der Impfstoff nicht wirkte. Ein solcher Selektionsmechanismus bildet den Grund dafür, dass einige Experten strikt gegen Impfstoffe zur Bekämpfung einer Vogelgrippeepidemie sind.

Für dieses Szenario spricht, dass die jetzige Variante von H5N1 identisch ist mit einem Influenza-Virus, das bereits 2002 in Hongkong isoliert wurde. Derselbe Erreger wurde erneut Anfang 2003 nachgewiesen. Er entspricht auch der Variante, die zu Beginn der jetzigen Epidemie in Korea und Vietnam aus erkrankten Hühnern isoliert werden konnte. Das nahezu gleichzeitige Auftreten der Vogelgrippe in China und den angrenzenden Ländern wäre demnach die unerwünschte Folge einer riskanten Maßnahme südchinesischer Geflügelproduzenten zum Schutz ihres Kapitals.

Vermutlich hat aber eine Kombination biologischer, ökonomischer und administrativer Faktoren zu der Katastrophe geführt, in deren Verlauf bisher rund 50 Millionen Tiere verendet sind oder getötet wurden. Die Epidemie könnte von einem durch die Impfung selektierten Erreger ausgegangen sein, der sich vorübergehend unerkannt in Geflügel vermehrte und irgendwann zu einem hochvirulenten Virus mutierte.

Einmal in die Hühnerpopulation eingedrungen, gelangte er über offizielle Handelswege sowie auf unzähligen Schmugglerrouten von Südchina nach Vietnam und Indonesien sowie später auch Thailand. Dort kam es zu vereinzelten Ausbrüchen, die aber totgeschwiegen wurden. Durch mit Sekret oder Kot infizierter Tiere verunreinigte Kleidung und Verkehrsmittel – eventuell auch durch lokale Wildvogelpopulationen – wurde daraus ein Flächenbrand, der nun sehr schwer einzudämmen ist.

Japanische Forscher haben jetzt Untersuchungen veröffentlicht, die diese Hypothese bestätigen. Sie sequenzierten das Gen der H5N1-Variante, die für die derzeitige Epidemie in Asien verantwortlich ist. Sie verglichen die Erbinformation mit früheren Untersuchungen. Dabei fanden sie heraus, dass der jetzige Erreger zu 97 Prozent identisch ist mit einem Virus, das bereits 1996 in der chinesischen Provinz Guangdong vor den Toren Hongkongs isoliert wurde. Just dieser Erreger war dann auch für die Vogelgrippeepidemie in Hongkong im Frühjahr 1997 ursächlich, bei der zum ersten Mal das Influenzavirus von Geflügel auf den Menschen übersprang.

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