Gesundheit : „Ersetzen, verringern, verfeinern“

In Berlin tagt der Weltkongress für Alternativen zum Tierversuch. Industrie und Tierschützer sind sich erstaunlich einig

Adelheid Müller-Lissner.

„Lieben Sie Tiere? Dann unterschreiben Sie hier!“ Mit einer solchen Aufforderung zum Protest gegen Tierversuche war wohl jeder schon einmal konfrontiert. Umgekehrt kennen Tierversuchsgegner den Einwand: „Wenn Ihr Kind krank wäre, hätten sie doch auch gern ein Medikament, dessen Sicherheit an Tieren überprüft wurde!“

In der Entwicklung von Arzneimitteln sind Tierversuche bisher unerlässlich. Doch man kann ihre Anzahl verringern oder zum Teil durch pfiffige Verfahren ersetzen. In dieser Woche treffen sich rund 1000 Wissenschaftler aus 46 Ländern im Berliner Estrel Convention Center zum 5. Weltkongress für Alternativen zum Tierversuch. Zum Auftakt rief dessen Schirmherrin, Verbraucherschutzministerin Renate Künast, gestern dazu auf, Tierschutz und Verbraucherschutz nicht gegeneinander auszuspielen. Ziel der alle drei Jahre stattfindenden Veranstaltung ist es, die internationalen Anstrengungen für ein Programm namens „3R“ zu bündeln. Das 3-R-Prinzip haben zwei britische Forscher schon im Jahr 1959 formuliert: replace, reduce, refine. Schon damals schlugen sie vor, Tierversuche so weit wie möglich zu ersetzen. Wenn das nicht möglich ist, sollen sie auf ein Minimum reduziert und immer schonender angelegt werden. Beim Kongress plädierte die Menschenaffen-Forscherin Jane Goodall in einer leidenschaftlichen Rede dafür, die „enormen Kapazitäten des menschlichen Gehirns für die Suche nach solchen Alternativen zu nutzen“.

Was viele kaum glauben können: Tierschützer und einschlägige Industrie sind sich in dieser Zielsetzung ziemlich einig. Ökonomische und ethische Erwägungen passen zusammen: Der Entwurf für das neue europäische Chemikalienrecht sieht die Bewertung von rund 30000 chemischen Stoffen im Hinblick auf ihre Toxizität vor. Ein gigantisches Unternehmen – und mit Tierversuchen ist es weit teurer als im Labor. Doch im Interesse der Verbraucher müssen Alternativmethoden ebenso sicher sein: Sie müssen im Wiederholungsfall zu den gleichen Ergebnissen führen, und die müssen eine korrekte Vorhersage des Risikos für Tier und Mensch ermöglichen.

Schon 1989 wurde in Deutschland die Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch, kurz, ZEBET, eingerichtet, die ihren Sitz heute im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat.

Auf dem Weltkongress, den auch zahlreiche Kosmetikfirmen und Tierschutzorganisationen unterstützen, sind Tests zur Hautverträglichkeit von Substanzen ein wichtiges Thema. „Wir sind heute in der Lage, mit biotechnologischen Methoden menschliche Haut künstlich herzustellen. Dieses Verfahren wird in Kürze wahrscheinlich akzeptiert werden“, sagte ZEBET-Leiter Horst Spielmann.

Der mit 15000 Euro dotierte Tierschutzforschungspreis der Bundesregierung bekam der Forscher Christoph Helma von der Uni Freiburg für die Entwicklung einer Datenbank, die in der Vorhersage der krebserzeugenden Wirkung von Stoffen nützlich sein soll. Wenn sich bei einem Stoff diese Frage stellt, sucht das Programm diejenige im Tierversuch erprobte Substanz heraus, die der fraglichen am ähnlichsten ist. So soll vorhandenes Wissen besser genutzt werden.

Auch für die Ausbildung von Medizinern wird nach Alternativen gesucht, von der Simulation am Bildschirm bis zu neuen Möglichkeiten, das Operieren an toten Tieren zu üben, deren Blutkreislauf künstlich aufrecht erhalten wird.

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