Gesundheit : Erst später aufs Gymnasium Mecklenburg: Rot-Rot will Orientierungsstufe

Andreas Frost

Mecklenburg-Vorpommerns Schüler sollen ab Schuljahr 2006/2007 nicht mehr nach der vierten, sondern erst nach der sechsten Klasse auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt werden. Das sieht die umstrittenste Änderung des Schulgesetzes vor, die die regierende SPD/PDS-Koalition heute im Landtag verabschieden will. Mittelfristig soll das „längere gemeinsame Lernen“ bis zur achten Klasse ausgedehnt werden. Während sich SPD und PDS als Vorreiter für eine andere Schulpolitik in der ganzen Bundesrepublik wähnen, sieht die breite Front der Kritiker nur eine „Mogelpackung“, die mehr Mittelmaß als Qualitätssteigerung bewirke.

Bildungsminister Hans-Robert Metelmann (parteilos) und seine Mitstreiter sehen die Grundschulen als Schrittmacher. Hier gelinge es den Lehrern, die Unterschiede der Schüler bei Begabung und sozialer Herkunft auszugleichen. Darum soll das Modell Grundschule in die Sekundarstufe eins übertragen werden. In der „schulartenunabhängigen Orientierungsstufe“ der Klassen fünf und sechs – ein Modell, das in Bremen gerade abgeschafft wurde – würden sich die Zukunftschancen aller Kinder verbessern, heißt es. Sie soll an den „Regionalschulen“ stattfinden, zu denen in den vergangenen Jahren Haupt- und Realschulen zusammengelegt wurden. Schwache Schüler würden durch die besseren angeregt. Die besseren Schüler lernten dabei selbstständiger und würden sozial kompetenter. Nach der sechsten Klasse sei es außerdem einfacher als nach der vierten, eine Prognose zu treffen, ob ein Kind den Anforderungen des Gymnasiums gerecht wird. Zurzeit wird in Mecklenburg-Vorpommern die Hälfte der Kinder zum Gymnasium angemeldet, aber jeder Dritte erreicht nicht das Abitur.

Mit der neuen Schulstruktur soll laut SPD und PDS auch eine neue Pädagogik einhergehen. In der Orientierungsstufe sollen eigens geschulte Lehrer in einem dreiköpfigen Team in der Klasse arbeiten. 230 zusätzliche Lehrer sollen eingestellt werden. Auch für die Schüler sind Team- und Projektarbeit geplant.

Die Kritiker der Schulreform glauben nicht, dass längeres gemeinsames Lernen schwachen wie begabten Schülern gleichermaßen gerecht wird. Die bildungspolitische Sprecherin der CDU, Kerstin Fiedler-Wilhelm, befürchtet, dass die Unterrichtsqualität eher ins Mittelmaß absinkt. Andere sprechen von „Gleichmacherei“ und malen die Rückkehr der „DDR-Einheitsschule“ an die Wand. Steffen Kästner vom Verband der Gymnasialschulleiter wirft SPD und PDS vor, die Gymnasien auf dem platten Land „ausradieren“ zu wollen. Auch viele Eltern befürchten, dass das Abitur aus Mecklenburg-Vorpommern bundesweit nicht anerkannt werden wird.

Unterdessen hat der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering erklärt, seine Partei werde in ihrem Wahlmanifest keine Empfehlung für eine bundesweite Schulstruktur machen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hatte wie berichtet am vergangenen Sonnabend in ihren Vorschlägen zum Wahlmanifest die von den schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten propagierte zehnklassige Gemeinschaftsschule nicht mehr erwähnt. Jetzt erklärte Müntefering nach einer SPD-Präsidiumssitzung in Berlin, bei der Gestaltung des Schulsystem seien stets auch landesspezifische Verhältnisse zu berücksichtigen.

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