Gesundheit : Erstaunlich beharrlich

Der Adel ist wieder für Historiker interessant

Michael Zajonz

Sein Leben klingt wie ein Roman. Geschrieben hat er ihn selbst. Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg verfasste unter dem Titel „Die Wunderbahre Führung Gottes“ zwischen Juni 1683 und Februar 1684 eine Lebensbeschreibung, die mit der eigenen denkwürdigen Geburt beginnt. Seine Mutter habe am 15. Juli 1646 gerade die im Bau befindliche Schlosskirche auf dem Friedenstein in Gotha besichtigt, als die Wehen einsetzten: Damals „Sind Ihro Gnaden mitt Etzlichen Starcken gebuhrtsschmertz blötzlich Uberfallen worden daß Sie mitt genauer noht In dero Residentz hauße haben gebracht werden können welches abends 6 Uhr geschehen. Gleich darauff ¾ auff 8 Uhr bin Ich Glücklich Alß das 7bende Kindt Und vierte Sohn zur Welt gebohren worden (...) Und mitt dem Im Hauße Sachsen Sehr Gewöhnlichen Und Alten nahmen Friedrich In das buch des lebens Eingeschrieben worden.“

Herzog Friedrich schrieb – anders als in seinen ebenfalls erhaltenen Tagebüchern – wohl auch für spätere Generationen, denen er ein schlüssiges und vor allem standesgemäßes Bild seines Wachsens und Werdens liefern wollte. Nachgezeichnet hat es die Erfurter Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Roswitha Jacobsen in der aktuellen Ausgabe der Online-Zeitschrift „Zeitenblicke“ der Universität Köln. Das seit 2002 im Internet publizierte Journal zur Geschichte der Frühen Neuzeit ist eines von mehreren neuen Geschichts-Internetportalen, auf denen inzwischen auch die renommierten Historiker schreiben.

Das Adels-Thema der aktuellen „Zeitenblicke“-Ausgabe hat in der Zunft einen Nerv getroffen – auch die nächste Ausgabe soll das Thema als Schwerpunkt behandeln. Wie heute das Selbstverständnis von Adligen aussieht, versuchten die Historiker in einem Interview mit Georg Friedrich Prinz von Preußen herauszufinden.

Darin bestreitet der 1976 geborene Chef des Hauses Hohenzollern, der im sächsischen Freiberg BWL studiert und das Internetportal www.preussen.de betreibt, dass es noch heute spezifisch adlige Formen der Selbstinszenierung gebe. Geblieben seien allerdings „Traditionsbewusstsein und das Bewahren von Werten“. Genervt zeigt sich der Prinz von Standesgenossen – ohne sie zu nennen – wie Ernst August Prinz von Hannover, die stattdessen mit Sex and Crime für Schlagzeilen sorgen.

Die Sehnsucht nach den Von und Zus ist wahrscheinlich so alt wie die Trivialkultur selbst. Seriöse Historiker beschäftigen sich seit etwa zehn Jahren wieder verstärkt mit dem Adel. Hatte die ältere Forschung unter dem Einfluss von Norbert Elias den Adel seit dem ausgehenden Mittelalter in der Dauerkrise gesehen, so schärfen neue, kulturwissenschaftlich grundierte Fragestellungen den Blick für ein erstaunliches Beharrungsvermögen.

Vertreter des höheren und hohen Adels in Deutschland und Österreich hielten sich bis ins frühe 20. Jahrhundert in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen – wenn sie nicht gleich selbst regierten. Fürstliche Höfe waren nicht nur goldene Käfige, die aus territorialbewussten Grundherren überschuldete Drohnen machten, sondern auch Karrierebeschleuniger in Politik, Militär, ja sogar für wirtschaftliche Unternehmungen.

Besonders deutlich macht das der Wissenschaftler Wilfried Reininghaus, der die wirtschaftlichen Aktivitäten der westfälischen Familie von Romberg anhand des Familienarchivs über 500 Jahre zurückverfolgt. Das bis 1927 im heutigen Stadtgebiet von Dortmund ansässige Geschlecht betrieb seit dem 16. Jahrhundert den Abbau von Steinkohle. Sowohl Conrad Philipp von Romberg, kurfürstlich-brandenburgischer Hofkammer-Präsident in Kleve, als auch – vier Generationen später – Gisbert von Romberg, ein Freund des Freiherrn vom Stein, nutzten ihren Einfluss in Berlin, um ungestört expandieren zu können.

Bis ins 19. Jahrhundert gehörte die landsässige Adelsfamilie zu den großen Zechenbesitzern des Ruhrgebiets. Gisbert von Romberg d.J., ein legendärer Pferdenarr und Raufbold, der sich auch für die Errichtung eines Ausflugslokals mit Vergnügungspark nicht zu fein war, avancierte sogar zur Romanfigur. Josef Wincklers gleich zweimal – 1932 und 1957 – verfilmter Schelmenroman „Der tolle Bomberg“ wurde zu einem der größten literarischen Erfolge der Weimarer Republik.

Geschichts-Portale im Internet:

www.zeitenblicke.de

www.sehepunkte.de

www.historicum.net

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