Gesundheit : Erste Hilfe für die Seele

Lassen sich psychische Leiden, wie etwa Schizophrenie, frühzeitig erkennen? Wie viel Sinn macht eine Behandlung auf Verdacht?

Rosemarie Stein

Jeder Dritte von uns leidet mindestens einmal im Leben an – meist vorübergehenden – seelischen Störungen. Ihr Auftreten oder ihre Entwicklung zur chronischen Psychose zu verhindern, wäre wünschenswert. Aber lassen sich psychische Krankheiten verhüten? Wären breit angelegte Früherkennungsprogramme sinnvoll? Oder sollte man bei Risikopatienten gezielt nach Zeichen einer Depression oder Schizophrenie fahnden? Und wenn man sie zu finden meint: Ist bereits im Verdachtsfall eine vorsorgliche Behandlung nützlich oder kann sie eher schaden?

Solche Fragen diskutierte man kürzlich bei einer Berliner Tagung der „Aktion Psychisch Kranke“. Weitgehend einig zeigten sich die Teilnehmer über die erste Prävention psychischer Krankheiten, die schon vor der Geburt anfängt: Kümmert man sich um sehr junge, um allein stehende, um suchtgefährdete oder selbst schon psychisch kranke werdende Mütter, dann verhilft man ihren Kindern zu einem gesünderen Start ins Leben.

Befriedigt man die Basisbedürfnisse der Kinder und setzt man bei aller Liebe auch Grenzen, so macht sie das seelisch stabil. Die Hilfe von außen für gefährdete Kinder und Jugendliche könnte weit wirksamer sein, würden die Beteiligten besser zusammenarbeiten. Hilfe suchende Eltern würden von einer Stelle zur anderen geschickt, und das Jugendamt werde oft nur als „Kinderklau“ gefürchtet. Statt gezielter Programme für Gefährdete als „Investition in die Zukunft“ gebe es von staatlicher Seite oft nur Alibi-Aktionismus. „Politisch besonders beliebt ist die Faltblatt-Prävention“, sagte der Kinderpsychiater Jörg Fegert von Universität Ulm – und erntete dafür viel Beifall.

Gezielte Unterstützung von Risikofamilien zur Überwindung von Arbeitslosigkeit und Armut sowie Hausbesuche zur Beratung und Anleitung der Mütter haben sich in Amerika bewährt. Anhand zahlreicher Studien zeigte Richard Warner (Universität Colorado und Mental Health Center Boulder), wie erfolgreich solche nicht-psychiatrischen Präventionsprogramme sein können. Besonders nachhaltig wirkt eine Vorschulerziehung schon für Dreijährige aus schlechten sozioökonomischen Verhältnissen: Später reduzieren sich Teenager-Schwangerschaften, Jugendkriminalität, Schulabbrüche und Arbeitslosigkeit.

Zur Verhütung von Schizophrenie empfahl auch Warner einen medizinischen Weg: Eine optimale Geburtshilfe, besonders für schizophrene Frauen – da Schizophrenie auch mit Geburtskomplikationen zusammenhängt. Kinder schizophrener Mütter haben ein zehnfaches Risiko, diese Krankheit zu bekommen. Deren genetische Verankerung werde aber oft überschätzt: Nur jeder dritte Schizophreniekranke hat einen schizophrenen Verwandten, sagte Warner.

Die Früherkennung und -behandlung ist derzeit Thema heftiger Debatten. Der amerikanische Psychiater kritisierte seinen Bonner Kollegen Joachim Klosterkötter. In dessen Studie waren mehr Klinikpatienten mit bestimmten Symptomen nach zehn Jahren schizophren geworden als Patienten ohne solche Vorzeichen. Daraus schloss Klosterkötter, seine Skala zur Erfassung solcher „Basis-Symptome“ sei „anwendbar für eine breite Identifizierung von Risiko-Personen in der Allgemeinbevölkerung“.

Bei einer relativ seltenen Krankheit wie der Schizophrenie käme man mit dem Bonner Test aber zu einer sehr hohen Zahl „falsch-positiver“ Ergebnisse: Die meisten der als „gefährdet“ herausgefilterten Personen würden nie schizophren werden, dies aber ständig befürchten, sagte Warner. Da die Krankheit meist in jungen Jahren beginnt, würden sie vielleicht nicht wagen zu studieren oder zu heiraten. Durch eine unnötige Arzneimittelbehandlung würden sie zu chronisch psychisch Kranken gemacht und litten unter den Nebenwirkungen der Schizophrenie-Medikamente.

Warner bezweifelt auch, dass selbst wirklich Gefährdeten und Leichtkranken eine frühe Arzneitherapie von Nutzen ist. In Studien mit scheinbar positivem Ergebnis werde nicht die häufige Selbstheilungstendenz der erst kürzlich Erkrankten berücksichtigt. Den selben Fehler machte man schon im 19. Jahrhundert, als es galt, die „Irren“ möglichst schnell nach Ausbruch der Krankheit in eine Anstalt aufnehmen – dann seien die Heilungschancen am größten.

Nützlicher sei es, die Bevölkerung aufzuklären, gegen die Stigmatisierung psychisch Leidender vorzugehen und jedem Gelegenheit zu geben, sich ohne Schwellenangst informieren, beraten und helfen zu lassen. „Wir merken meist schon Jahre vorher, dass etwas nicht stimmt mit uns“, sagte Christel Hansing, die in Bad Tölz eine Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke gründete. „Es muss genauso selbstverständlich werden, über seine Psychose zu reden wie über seine Grippe.“

Beratung und Hilfe: Früherkennungs- und Therapiezentrum Berlin-Brandenburg. Telefon: 030-450517078, E-Mail: fetz@charite.de

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