Gesundheit : Erstmal drüber schlafen

Ein Nickerchen regt das Denken an – vor allem, wenn man sich vor dem Einschlafen noch mit dem Problem beschäftigt, das man lösen will

Bas Kast

Albert Einstein brauchte zwölf Stunden Schlaf – erst dann fühlte er sich zu genialen Einfällen fähig.

Lübecker Forscher können dieser Maxime des Physikers nur zustimmen. In einer Studie stellen sie fest: Schlaf regt das Denken an. Nach einem ausgedehnten Nickerchen können wir Probleme offenbar effektiver lösen.

In ihrem Versuch, der in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Nature“ veröffentlicht ist, konfrontierten die Psychologen 66 Studenten der Uni Lübeck mit einer kniffligen Aufgabe.

Sie präsentierten ihnen eine Reihenfolge von Zahlen mit acht Ziffern. Diese Zahlenreihenfolge sollten die Studenten mit Hilfe vorgegebener Regeln in eine andere Zahlenreihenfolge verwandeln. So ging das Runde um Runde.

Damit nicht genug, verlangten die Forscher noch etwas von ihren Versuchskaninchen. Während die Probanden eine Zahlenfolge in die nächste verwandelten, sollten sie so bald wie möglich vorhersagen, was die letzte Ziffer der neuen Reihe sein würde. Was die Studenten nicht wussten, war, dass die zweite Ziffer der Reihe immer die gleiche war wie die letzte.

Alle Probanden bekamen zunächst 30 Trainingsrunden. Danach gab es eine Pause von acht Stunden. Nach dieser Pause kam es zum entscheidenden Test. In einer neuen Serie von Verwandlungsrunden prüften die Forscher, welche Studenten die versteckte Regel durchschaut hatten und welche nicht.

Es zeigte sich: Ob jemand die versteckte Regel entdeckte, hing ganz davon aber, was er oder sie während der achtstündigen Pause gemacht hatte. Eine Gruppe von Studenten hatte sich auf Anordnung der Forscher schlafen gelegt, während die anderen – entweder nachts oder tagsüber – wachgeblieben waren. Dabei schnitten die Studenten, die geschlafen hatten, mit Abstand am besten ab. Knapp 60 Prozent von ihnen durchschauten die Regel – gegenüber rund 20 Prozent der Wachgebliebenen.

Dieser Effekt war nicht einfach nur darauf zurückzuführen, dass die einen ausgeschlafen waren und die anderen nicht. So bekam ein Teil die Trainingsrunde am Morgen und wurde abends getestet – das änderte nichts an der Leistung verglichen mit denjenigen, die die Nacht wachgeblieben waren.

Außerdem schnitten die Probanden nach einem Nickerchen nicht per se besser ab, sondern nur, wenn sie vor dem Schlaf bereits etwas geübt hatten.

Für die Forscher ist der Befund ein weiterer Hinweis darauf, dass unser Gehirn während des Schlafs gar nicht schläft, sondern arbeitet. Es ist, als würden wir im Schlaf unsere Gedanken sortieren.

Offenbar ist es so, dass wir im Wachzustand bei Problemlösungen nicht selten „in eine Sackgasse reinrennen“, wie der Leiter der Studie, Ullrich Wagner von der Universität Lübeck, spekuliert. Um davon „Abstand zu gewinnen, ist es wahrscheinlich besser, wenn man abends über etwas nachdenkt und dann darüber schläft“. Man sollte sich also am besten vor dem Schlafenlegen mit der Relativitätstheorie beschäftigen, damit man am nächsten Morgen zu einer Einsicht kommt.

Experimente zeigen, dass wir im Schlaf lernen. Das Gedächtnis festigt sich buchstäblich im Traum. „Wer Fakten zu lernen hat, sollte auf seinen Schlaf achten“, behauptet der Lernpsychologe Manfred Spitzer von der Universität Ulm. „Keineswegs sollte er also die Nacht zum Tage machen in der irrigen Annahme, auf diese Weise noch mehr lernen zu können.“

Die Studie der Lübecker Forscher demonstriert nun erstmals, dass der Schlaf auch das Denken beflügelt. Die Studie „gibt uns einen guten Grund, unseren Schlaf zu respektieren“, schreiben belgische Forscher in einem „Nature“-Kommentar. „Vor allem angesichts des heutigen Trends, ihn so rücksichtslos zu kürzen.“

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