Gesundheit : Erstmal Marx lesen

Der Historiker Paul Nolte wechselt an die FU Berlin – und will die Kapitalismuskritik hinterfragen

Amory Burchard

Die „Generation Reform“ kommt an die Freie Universität Berlin. Der Zeithistoriker Paul Nolte, Autor des gleichnamigen Buches, hat jetzt den Ruf auf eine W3-Professur für Neuere Geschichte angenommen und lehrt ab dem Wintersemester am Friedrich-Meinecke-Institut.

Die Berufung Noltes wirkt wie ein Signal: Die Freie Universität löst sich von ihrem Image als Hort der Alt-68er. Der 41-jährige Historiker, der seit 2001 an der International University Bremen (IUB) lehrt, gilt als konservativer Reformer, der aber einer intellektuell anspruchslos Union die Leviten gelesen hat und auch bei SPD und Grünen als Berater hoch im Kurs steht. In „Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik“ (C.H. Beck, 2004) plädiert Nolte für eine „neue Bürgergesellschaft“, die sich von sozialromantischen Illusionen ebenso verabschiedet wie von ihrer ironischen Distanz zu gesellschaftlicher und politischer Verantwortung.

Dass die FU noch immer eine Massenuniversität ist, die zudem unter Sparmaßnahmen leidet, schrecke ihn nicht, sagt Paul Nolte. Er freue sich darauf, an eine Hochschule zu kommen, die im Wandel und Aufbruch begriffen sei – und nicht nur in der Berliner Wissenschaftslandschaft gut dastehe. Am Friedrich-Meinecke-Institut kann Nolte zudem in ein Reformprojekt einsteigen, mit dem er an der IUB schon sechs Semester Erfahrung hat: in den Bachelorstudiengang Geschichte.

Was vielen traditionell denkenden Historikern Angst macht, sieht Nolte als Chance, ein lange vernachlässigtes Dilemma der Historikerausbildung zu überwinden: die hohen Abbrecherquoten. Durch ein inhaltlich strukturierteres und stärker an der Berufspraxis orientiertes Geschichtsstudium könnte es gelingen, 90 Prozent der Erstsemester zum Bachelor zu bringen, glaubt Nolte. Im dreijährigen BA-Studium sollten sie vor allem lernen, „historisch zu denken und zu arbeiten“ – und sich zwangsläufig weniger Epochen-Wissen aneignen. Der Schwerpunkt der Lehre sollte stärker auf der Zeitgeschichte als auf Antike und Mittelalter liegen, auch in Hinblick auf potenzielle Arbeitgeber in Medien und Verlagen. Da kennt sich der publizistisch überaus aktive Nolte aus.

Der Historiker Nolte betreibt „Archäologie der Moderne“. Dabei interessieren ihn besonders „die Probleme, die wir im Moment haben“. Ein Thema für den Neuanfang in Berlin hat Nolte schon: „Wann ist etwas mit dem Sozialstaat schief gelaufen?“ Und die neue Kapitalismuskritik reizt ihn, mit den Studenten erst einmal Marx zu lesen – um die Debatte auf ein angemessenes wissenschaftliches und intellektuelles Niveau zu heben. Der Professor, der in Bremen bislang eine Hand voll Hauptfachstudenten vor allem aus dem Ausland unterrichtete, freut sich auf engagierte Nachwuchshistoriker, „die ein lebensweltliches und politisches Interesse mit dem Fach verbindet“. Und sie werden auf einen solchen Professor gewartet haben.

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