Erythrophobie : Bloß nicht unter Menschen gehen

Wer häufig errötet, hat ein echtes Problem. Doch selbst Betroffene wissen oft nicht: Es handelt sich dabei um eine ernsthafte Krankheit namens Erythrophobie. Eine Therapie kann helfen

Kai Kupferschmidt

Schon in der Schule hatte Thorsten Gräfe (Name geändert) immer Angst. Nie meldete er sich. Wenn die Lehrerin ihm eine Frage stellte, dachte er: „Bloß nicht rot werden!“ Dann fühlte er, wie ihm das Blut zu Kopf stieg, ihm wurde warm, er stammelte etwas, seine Mitschüler lachten. Je älter Gräfe wurde, umso stärker wurde die Angst. Er vermied stark frequentierte Straßen, da er befürchtete, jemand könne ihn ansprechen und er würde dann rot werden. Wenn es Zeit war, den Müll runterzubringen, überlegte er, wann er gehen könnte, um möglichst keinen Menschen im Treppenhaus anzutreffen. Erst viele Jahre später lernte er, dass seine Angst einen Namen hat: Erythrophobie, die Angst vorm Erröten.

Thorsten ist kein Einzelfall. Die Psychologin Samia Chaker erforscht an der Technischen Universität Dresden die Angst vor dem roten Kopf. Als sie vor einigen Jahren auf der Suche nach Probanden einen ersten Aufruf drucken ließ, war sie über die vielen Antworten überrascht. „Wir hatten nicht erwartet, dass es so viele Menschen gibt, die an dieser Krankheit leiden.“

Dabei ist das Erröten ein normaler Vorgang. Im Gehirn werden Stresshormone ausgesendet, der Blutdruck steigt, die Gefäße weiten sich und der Kopf wird rot. Zu welchem Zweck der Körper diesen Vorgang initiiert, ist allerdings nicht klar. Peter de Jong von der Universität Groningen glaubt, dass wir damit Ehrlichkeit signalisieren. „Wenn ich etwas Blödes sage oder tue und damit eine soziale Norm verletze, zeigt mein Rotwerden an, dass ich mir dessen bewusst bin. Das besänftigt andere Menschen.“ Das Entscheidende: Erröten kann man nicht vortäuschen. Wer rot wird, meint es ehrlich, sein Fehler ist ihm bewusst. Damit zeigt er an: „Auch wenn ich die Regeln verletzt habe, akzeptiere ich grundsätzlich dieselben Regeln wie ihr.“ In den kleinen, frühzeitlichen Gruppen von Jägern und Sammlern könnten solche „ehrlichen Signale“ eine wichtige Rolle gespielt haben.

Gräfe allerdings errötet schon, wenn ihn jemand auf der Straße anspricht: „Ich denke dann ,Oh mein Gott! Mich hat jemand angesprochen! Der fragt mich etwas, und ich weiß das wahrscheinlich nicht.“ Die Angst vorm Rotwerden treibt ihm dann die Röte ins Gesicht. Damit man ihm das Erröten nicht so leicht ansieht, ging Thorsten häufiger auf die Sonnenbank. „Ich bin auch immer leicht bekleidet rumgelaufen, damit mir nicht warm wird, und habe gesagt, mir sei so warm, damit die anderen glauben, ich würde deswegen rot werden.“ Aber das einzig wirksame Mittel sei gewesen, das Haus seltener zu verlassen.

Um diesem Leben zu entkommen, legen sich manche Erythrophobiker unters Messer. Sie lassen sich den Grenzstrang des Sympathikusnervs durchtrennen, so dass sie nicht mehr erröten können. Die Operation hat allerdings Nebenwirkungen. „Häufig schwitzt man sehr viel stärker“, sagt Chaker, die das Verfahren die „allerletzte Alternative“ nennt. Dennoch lassen viele den Eingriff vornehmen. Im Krankenhaus der Freien Universität Amsterdam würden jeden Monat etwa drei Patienten operiert, berichtet de Jong, und es gebe eine lange Warteliste.

Chaker möchte eine Alternative zum Chirurgen anbieten. In einer neuen Studie will sie in Dresden und Berlin eine Therapie anwenden, die in Holland erfolgreich getestet wurde. An einem Wochenende wird eine Standardtherapie für soziale Phobien absolviert, zu denen die Erythrophobie gehört. Dabei stehen vor allem die Schutzmechanismen, die sich die Erythrophobiker angewöhnt haben, im Mittelpunkt. Die Teilnehmer werden mit der Kamera gefilmt. „Die meisten sehen dann, wie bescheuert es aussieht, wenn man die ganze Zeit die Hand vors Gesicht hält“, sagt Chaker. Manchmal stelle sie auch einen roten Ordner neben das Video. „Meistens werden die Leute gar nicht so rot wie sie denken.“ Am zweiten Wochenende sollen die Betroffenen dann lernen, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu steuern. So müssen sie zum Beispiel eine Geschichte wiedergeben, die die Therapeutin ihnen vorliest. „Das fängt harmlos an, aber spätestens wenn es ums Rotwerden geht, steigt die Hälfte aus, weil sie sich nicht mehr auf den Inhalt der Geschichte konzentrieren können“, sagt Chaker. Erythrophobiker blieben häufig mitten im Satz stecken, wenn sie erröten, weil sie sich so auf das Erröten konzentrierten. „Die Leute sollen lernen, trotzdem weiterzureden.“

Thorsten Gräfe hofft, dass ihm die Therapie helfen wird, seine Angst in den Griff zu kriegen. Denn die Erythrophobie belastet ihn: „Ich fühle mich so häufig unterlegen, unsouverän. So als würde ich nicht zu den Erwachsenen gehören. Die anderen sind auf dieser Elternstufe und ich bin der kleine Junge, der bei irgendetwas ertappt wird.“ Genau wie damals in der Schule.

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