Gesundheit : Erziehung: Haben die 68er tatsächlich an allem Schuld?

Gerlinde Unverzagt

Nein, eine Katastrophe sei es nicht, räumt Susanne Gaschke ein - auch im Blick auf jüngste Ereignisse, die wirkliche Katastrophen darstellen. Und doch sei die Lage ernst: Wir lebten in einem der reichsten Länder der Erde, in dem es immer weniger Kinder gebe. Trotzdem sei kein qualitativer Fortschritt in der Erziehung zu verzeichnen, umreißt die Autorin und Journalistin Susanne Gaschke das Thema ihres Buches "Die Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern". Ihre These, wonach der deutschen Gesellschaft die Fähigkeit und der Wille zur Erziehung abhanden gekommen sei, erörterte die Autorin mit Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) und Annette Schavan (CDU), Schulministerin in Baden-Württemberg, bei einer Diskussion im Ethnologischen Museum Dahlem.

"Es geht den Kindern nicht gut", meint Gaschke und zählt auf: Gewalttätigkeiten unter Schülern, wachsender Stress als Konsumentengruppe, zunehmende Konzentrationsstörungen, vielfältige Überforderungen in der Schule, "und die immer größer werdende Zahl von Trennungen der Eltern", formuliert sie vorsichtig, "lassen es möglicherweise angesagt sein, darüber nachzudenken, ob diese Entwicklung den Kindern schadet." Früher sei man wegen der Kinder zusammengeblieben, heute gehe die Selbstverwirklichung vor.

Pauschale Elternschelte? Das will Bergmann nicht stehen lassen: "Ich sehe viele Eltern, die sich alle Mühe geben und ihre Sache gut machen", sagt sie, "diese Eltern brauchen Ermutigung." Da stehe die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an prominenter Stelle politischer Ziele. "Teilzeitarbeit, Telearbeit, da ist vieles möglich," sagt sie. Gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten seien die Voraussetzung für die Erwerbstätigkeit von Frauen. "Dass Sie in Ihrem Buch von flächendeckender Internierung in Kindergärten geschrieben haben," sagt sie an Gaschke gewandt, "hat mir richtig weh getan."

Viele Kinder hätten heute einen Arbeitstag wie Erwachsene, hält Gaschke entgegen. "Die Frage ist doch, wie man das in der Familie kompensiert: der laufende Fernseher und die Pizza aus der Mikrowelle sind keine Lösung." Also doch zurück an den Herd mit den Müttern? "Das wird mir immer unterstellt," sagt Gaschke, die ja nun selbst berufstätige Mutter ist. "Aber das Gegenteil ist wahr." Emanzipationsgewinne wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hätten eben auch Kosten mit sich gebracht - für die Kinder: Sie erlebten eine Zwangsverwaltung ihrer Zeit.

"Erziehungsgleichgültigkeit" schadet

"Die flächendeckende Ganztagsschule oder zeitlich ausgedehnte Kinderunterbringunen - das wollen die Kinder gar nicht", sagt Schavan. Sie gewönnen angesichts der aktuellen Debatten den Eindruck, in den normalen Alltag ihrer Eltern nicht hineinzupassen. Da entstehe ein enormer Leidensdruck, der in der Gesellschaft noch gar nicht angekommen sei. Kindern schade vor allem die Erziehungsgleichgültigkeit ihrer Eltern, die sich als "schrankenloses Gewährenlassen in unheilvoller Verbindung mit Bequemlichkeit äußert", meint Gaschke. Sie sieht "eine Art von Kollateralschaden von 68", der eine "erziehungsunfähige Minderheit von Eltern betroffen hat, die aber für die Mehrheit Probleme schafft".

So berichteten Lehrer heute über vier oder fünf schwierige Kinder pro Klasse, "früher waren es ein oder zwei". Zwar will sie der 68er-Generation nicht ganz und gar gute Absichten dabei absprechen, statt auf Autorität auf die Selbstregulierungskräfte des Kindes zu vertrauen. Doch jetzt sei es an der Zeit, mit den Resten des antiautoritären Konzeptes aufzuräumen. Diskutieren mit Dreijährigen beispielsweise sei eine glatte Überforderung. Eltern müssten die erzieherischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Kinder in der Pluralität nicht untergehen.

Wie müssen Kinder aufwachsen, damit sie später selbst entscheiden können? Starke, reife Persönlichkeiten sollen heranwachsen, da herrscht Einigkeit auf dem Podium. Aber was ist das genau? "Ein Bündel von Haltungen, aus denen sich etwas Stimmiges ergibt, das auch Verträglichkeit für andere zeigt", umreißt Annette Schavan das Ziel von Erziehung und Bildung. Denn es sei eben nicht alles egal in der Fülle der Möglichkeiten, die sich als gleichgewichtige Konkurrenz der Werte darstellt: "Die Pluralitätsdebatte leisten wir uns doch, als wären bestimmte Grundwerte nicht für alle gültig."

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