Gesundheit : Erziehung: Lasst die Kinder allein!

Oggi Enderlein

Im Kleinkindalter werden die Weichen fürs Leben gestellt. Und zwar von den Eltern. Ihre Erziehung und ihre Zuwendung zum Kind entscheidet, welche Richtung die Entwicklung nehmen wird. In der Pubertät kommt dann heraus, wohin die Reise ging und wo sie endet - ob im Morast oder in blühenden Landschaften. So könnte man die seit Sigmund Freud vorherrschende Haltung zur Entwicklung von Menschen zusammenfassen. Fast alle Probleme, die ein Mensch hat oder macht, werden, wenn nicht auf die Gene, dann auf frühkindliche Störungen und auf ein schlechtes Elternhaus zurückgeführt.

Dass auch die Zeit zwischen etwa sieben und 13 Jahren für die Entwicklung der Persönlichkeit entscheidend ist, wird kaum gesehen. Sobald die Kinder in der Schule sind, ist zumindest in den bürgerlichen Kreisen höchstes Erziehungsziel, dass sie "gebildet", "trainiert", "geschult" werden. Die Bedeutung von Bildung und Ausbildung steht außer Diskussion - die Frage ist nur, was wir den Kindern antun, wenn wir uns zu einseitig darauf konzentrieren.

Denn auch die Themen, die neben der Bildungsfrage für Eltern im Vordergrund stehen, wenn es um den "richtigen" Umgang mit "großen Kindern" geht, orientieren sich in der Regel weniger an dem, was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen, als an den Bedürfnissen der Erwachsenen, an äußeren Zwängen, an Idealvorstellungen und Ängsten der Eltern. Sie befürchten, dass dem Kind etwas zustoßen könnte oder dass es "schlechten Einflüssen" ausgesetzt sein könnte.

Darüber werden die Lebensbedürfnisse der Kinder oft vergessen. So sehr vergessen, dass die Kinder selbst ihren Gefühlen und Wünschen nicht mehr trauen. So sind die meisten Kinder der festen Überzeugung, dass ihre wahren Bedürfnisse jene sind, die ihnen von der Werbung und den Mitschülern vorgegeben werden.

Aggression und Hyperaktivität

Dass es Kindern in unserer Gesellschaft nicht gut geht, äußert sich in alarmierender Weise auch an den körperlichen und seelischen Krankheitssymptomen: Ängste, Aggressionen, Hyperaktivität, Hypersensibilität, Konzentrationsstörungen, Desinteresse, Allergien, Essstörungen, Depressionen. Die Reihe der Symptome wird länger, die Häufigkeit nimmt zu. Selbst Suizidversuche kommen schon bei Acht- bis Zehnjährigen vor. Die Diagnose der Therapeuten ist fast immer dieselbe: mangelnde Zuwendung durch die Eltern, Einfluss der Medien.

Wenn man aber die Kinder selbst befragt, wird erkennbar, dass diese Ursachen nur ein Teil der Wahrheit sind und dass hinter den "Störungen" oft der nagende Hunger nach einem kindgemäßen Leben steckt.

So äußerten zum Beispiel in Befragungen zehnjährige Jungen und Mädchen sehr klar, dass sie sich vor allem mehr Zeit und mehr Platz wünschen, um mit Gleichaltrigen unbeaufsichtigt draußen spielen zu können. Sie sehnen sich nach einfachen Spielen zu mehreren, etwa nach dem Muster von "Räuber und Gendarm". Sie wünschen sich, auf eigene Faust, aber in der Begleitung von Gleichaltrigen die Welt außerhalb des Elternhauses zu entdecken, zu erforschen und "für sich" zu erobern. Sie möchten aktiv sein, sich frei und ungezwungen bewegen können. Sie wollen nicht unentwegt unter Aufsicht stehen und angeleitet werden. Sie möchten nicht immerzu bewertet und beurteilt werden.

Die meisten Kinder stehen heute 24 Stunden am Tag unter der Kontrolle von Erwachsenen. Selbst wenn sie allein sind und fernsehen oder sich mit Computer- und den anderen Fertigspielen beschäftigen, sind ihre Tätigkeiten im Endeffekt von Erwachsenen bestimmt. Die Räume, in denen sich die meisten Kinder bewegen, sind reduziert auf das Kinderzimmer, bestenfalls einen kleinen Garten, im Großteil des Tages auf Unterrichtsräume, Pausenhöfe, Trainingsplätze, Sport- und Schwimmhallen, Freibäder. Das, was Kinder in diesen Räumen tun, ist schablonenartig vorherbestimmt und festgelegt. Eine selbst erfundene, selbst bestimmte Aktivität kommt so gut wie nicht mehr zu Stande. Auch eine freie, unbeaufsichtigte Begegnung mit anderen Kindern, eine kindgemäße Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe von Gleichaltrigen ist so gut wie ausgeschlossen, allein schon weil die meisten Erwachsenen Angst davor haben, Kinder zusammen mit mehreren Freunden allein spielen zu lassen.

Dabei ist die selbst gewählte Gruppe - und die rivalisierende Gegengruppe! - der Gleichaltrigen aus verschiedenen Gründen nicht etwa ein schreckliches Übel, sondern für eine gesunde soziale und emotionale Entwicklung außerordentlich wichtig. Und wenn Kinder zu mehreren sind (mindestens zu dritt) passiert in der Regel wenig, weil sie gut aufeinander aufpassen. Voraussetzung ist aber, dass kein "zuständiger" Erwachsener in Sichtweite ist, weil dann die Verantwortung für die Einhaltung von Regeln und Grenzen automatisch an ihn delegiert wird. Für vieles, was Kinder für eine glückliche Kindheit bräuchten, gibt es keine Zeit, keinen Platz, keine Erlaubnis mehr.

Kinderfilme und Computerspiele

Auch "große Kinder", also Schulkinder sind noch Kinder und haben noch ganz besondere, entwicklungsbedingte Lebensbedürfnisse. Lebensbedürfnisse, die sich von denen der Kleinkinder und der Jugendlichen unterscheiden und die deshalb weder direkt durch elterliche Zuwendung befriedigt werden können, noch etwas mit angeleitetem Lernen zu tun haben, noch durch spezielle Angebote wie Kinderfilme, Computerspiele oder Freizeitparks und auch nicht durch modische Kleidung, Handys und dergleichen befriedigt werden können.

Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Blessuren, die sich Kinder beim selbst bestimmten - und durchaus nicht immer risikofreien - Spiel zuziehen oder sich gegenseitig zufügen, langfristig weniger ins Gewicht fallen, als die Nachteile, die unterdrückte Lebensbedürfnisse nach sich ziehen. Erwachsene sollten den Instinkten der Kinder wieder mehr vertrauen, statt sich all zu sehr von Ängsten leiten zu lassen. Erfahrung im Umgang mit Kindern und wissenschaftliche Studien belegen: Kinder, die wenigstens außerhalb der Schulzeit ein kindgemäßes Leben führen können, sind im Gegensatz zu den verwöhnten Kindern zufriedener.

Zufriedene Kinder sind leichter zu erziehen, brauchen weniger "Aufsicht" durch Erwachsene und sind körperlich und psychisch gesünder. Kinder, die nicht nur das lernen, was sie von Erwachsenen vorgesetzt bekommen, sondern die ausreichend Gelegenheit haben, auf eigene Faust und gemeinsam mit Altersgenossen die Welt zu erforschen und kennen zu lernen, erwerben Kompetenzen, die heute von den Personalchefs so sehr gefragt sind, weil sie immer seltener werden - Eigenständigkeit, Risikoabschätzung, Selbstdisziplin, Überblick, Improvisationsgabe, Teamfähigkeit, Menschenkenntnis, gute Laune. Eben jene Schlüsselqualifikationen, die man nur im selbst bestimmten, eigenverantwortlichen "Abenteuerleben" unter Altersgenossen erwerben kann.

Es werden Weichen gestellt in der Zeit zwischen Einschulung und Pubertät. Es sind die Lebenserfahrungen, die Kinder in dieser Zeit sammeln, die darüber entscheiden, ob sie aus eigener Kraft festen Boden unter die Füße bekommen.

Die Autorin ist Diplompsychologin und veranstaltet Coachings für Eltern, Lehrer und Erzieher. 2001 erschien bei dtv ihr Buch "Große Kinder. Die aufregenden Jahre zwischen 7 und 13".

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