Gesundheit : Erzwungene Offenheit

Pharmafirmen sollen alle Studien registrieren lassen

Michael Simm

Seriöse Forscher, die keine guten Nachrichten überbringen können, finden nur selten Beachtung. Den Schaden haben die Patienten, die zwar immer wieder von viel versprechenden Ansätzen hören oder lesen, mit denen Hoffnung auf neue Medikamente geweckt wird, oder die nach Berichten über ermutigende Resultate die entsprechenden Arzneien von ihrem Arzt fordern.

Von den zahlreichen Studien aber, die den guten Ruf der Hoffnungsträger ebenso schmälern würden wie die Profite der Pharmaindustrie, erfährt die Öffentlichkeit nur selten. Diese Schieflage der Berichterstattung wollen die Herausgeber namhafter Medizinjournale nun mit neuen Spielregeln korrigieren, die am gestrigen Donnerstag publik gemacht wurden und Mitte des kommenden Jahres in Kraft treten sollen.

Wie die wohl einflussreichsten Meinungsbildner der Medizin in einer gemeinsamen Stellungnahme erklären, wollen sie die Ergebnisse von Patienten-Studien künftig nur noch dann veröffentlichen, wenn diese Studien von Beginn an in öffentlich zugänglichen, kostenlosen Datenbanken registriert werden.

Was auf den ersten Blick lediglich als Formalie erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als einschneidende Veränderung mit kaum absehbaren Folgen für die Zukunft des Gesundheitswesens. Nebenwirkungen von Arzneien ließen sich weniger leicht verschleiern, und der Nutzen vieler neuer (und teurer) Präparate würde sich im Vergleich zu billigen Altsubstanzen relativieren.

„Eine ehrliche Berichterstattung beginnt damit, die Existenz aller klinischen Studien zu offenbaren, auch derjenigen, die die Produkte des Sponsors der Studien unvorteilhaft erscheinen lassen“, erklären die zwölf Herausgeber, darunter diejenigen der einflussreichsten Journale „New England Journal of Medicine“, „Lancet“, „Journal of the American Medical Association“ und „Annals of Internal Medicine“. „Leider gibt es eine selektive Berichterstattung, welche die Beweislage verzerrt, die Ärzten als Grundlage für ihre Entscheidungen dient“, so beschreibt die Gruppe (das International Committee of Medical Journal Editors, ICMJE) die aktuelle Lage.

Fast alle Studien, in denen heutzutage neue Arzneien oder Therapien erprobt werden, werden von der pharmazeutischen Industrie bezahlt. Einerseits sind positive Studiendaten Voraussetzung für die gesetzliche Zulassung der Produkte und die spätere Kostenerstattung durch die Krankenkassen.

Andererseits dient der in Studien nachgewiesene Nutzen eines Medikaments auch als Argumentationshilfe im Konkurrenzkampf. Nicht zuletzt sollen Studiendaten wie längere Überlebenszeiten, weniger Nebenwirkungen oder eine verbesserte Lebensqualität den hohen Preis der Neueinführung gegenüber älteren Wirkstoffen rechtfertigen, deren Patent bereits ausgelaufen ist und die als „Generika“ zu einem Bruchteil der ursprünglichen Kosten auf den Markt kommen.

Unterschrieben ist die Erklärung von den Herausgebern der größten Medizinjournale aus den USA, England, Kanada, Australien, Neuseeland, der Niederlande, Dänemark, Norwegen und Kroatien. In der langen Liste von Fachblättern, die sich auch ohne Mitgliedschaft bereit erklärten, die ICMJE-Richtlinien einzuhalten, finden sich neben dutzenden US- und englischen Blättern auch solche aus China, Indien, Ungarn, Malaysia, Chile oder Kuba – aber keine deutschsprachigen Publikationen.

Mehr im Internet unter:

www.icmje.org

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