Gesundheit : Es fehlt an Willenskraft

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Von Dieter Lenzen

Als Martin Luther eine reformatorische Zwangspause auf der Wartburg einlegte, nutzte er die Zeit bekanntlich für eine Tat, die die Welt veränderte: die Übersetzung der Bibel in eine Volkssprache. Die Kultusminister hätten ihren Aufenthalt ebendort nutzen können für einen vergleichbaren Durchbruch, der den Schülerinnen und Schülern in Deutschland vielleicht zu der Fähigkeit verhelfen würde, diese deutsche Bibel zu lesen oder wenigstens eine Gebrauchsanweisung für einen Gartengrill. Stattdessen hat man sich „ausgetauscht". Das Resultat ist eine ansehnliche Liste von Maßnahmen. Jedoch: die einen werden von einem südlichen, die anderen von einem nördlichen, diese von einem östlichen und jene von einem westlichen Bundesland ergriffen.

Für sich genommen sind alle lobenswert. Etwa die gezielte Sprachförderung. Die Entwicklung von Diagnosefähigkeit für das pädagogische Personal. Die Einbeziehung von Vorschuleltern mit Migrationshintergrund. Die Anregung selbstregulierten Lernens. Die Formulierung curricularer Standards für die Sekundarstufe I. Die Einführung von Schulevaluationen. Die Erweiterung der Zahl von Ganztagsschulen. Eine höhere Praxisorientierung für die Lehrerausbildung.

Da fehlt kaum etwas, was wichtig wäre. Aber der Teufel, auf den Luther in später Stunde sein Tintenfass geworfen haben soll, steckt im Detail und in der fehlenden Durchorganisation und bundesweiten Reichweite der Maßnahmen. Warum ist es der KMK nicht möglich, einen einheitlichen Katalog von Bildungsnotstandsmaßnahmen zu verabreden, verbindlich für alle in Qualität, Ausmaß und Tempo der Umsetzung?

Etwa so: eine sofortige Einführung eines Fachhochschulstudiums für das Vorschulpersonal. Eine alle Vorschulkinder erfassende Sprachstandsmessung und Schulfähigkeitsuntersuchung zum Zweck der Ermittlung individueller Förderungsmaßnahmen. Eine verbindliche länderübergreifende Flexibilisierung der Eingangsstufe über zwei Alltagsjahrgänge. Eine Vereinbarung von methodischen Standards für die Einführung selbstregulierten Lernens. Die Verpflichtung aller Bundesländer auf Kerncurricula für alle Fächer in allen Schulen und Schulstufen. Eine öffentliche Evaluation der Leistungen aller Schulen wie in den Niederlanden oder in den deutschen Universitäten. Die verbindliche Einführung der Ganztagsschule. Eine obligatorische Lehrerfortbildung für alle beschäftigten Pädagogen als Voraussetzung für die Erhaltung ihres Arbeitsplatzes. Eine Fixierung der Abiturstandards in Zusammenarbeit mit den Universitäten oder ein Verzicht auf die Fiktion einer mit dem Abitur vermittelten Allgemeinen Hochschulreife.

Die Liste ließe sich fortsetzen und präzisieren. Diese Mühe kann man sich sparen. Denn es fehlt an allem, was zu einer Vereinheitlichung und einer durchgreifenden Umsteuerung erforderlich wäre: Es fehlt an politischem Einheitlichkeitswillen. Es fehlt an einer markanten Umsteuerung der öffentlichen Haushalte zu Gunsten des Bildungsbereichs (unterhalb einer Verdreifachung der Bildungsetats lohnt die Debatte nicht). Es fehlt an der Bereitschaft, Fachkompetenz nicht nur zur Messung der Katastrophe, sondern auch zu ihrer Überwindung heranzuziehen. Wir benötigen einen zentralen Bildungsrat mit länderbezogenen „Filialen", die die Empfehlungen auch tatsächlich umsetzen. Wenn die Sanierung des deutschen Bildungsbereichs weiter vertagt wird, wird das Kernproblem der nachwachsenden Generation nicht darin bestehen, dass sie die Rechtschreibung nicht beherrscht.

Die Erwachsenen von morgen werden keine kreativen Produktideen und Strategien für ihre Verwirklichung in einer global merkantilisierten Welt besitzen. Das Volksvermögen wird uns ausgehen. Es bestand in diesem Lande einmal aus Ideenreichtum, Entschlossenheit und Durchsetzungskraft. Vielleicht benötigen wir ja so etwas wie eine außerparlamentarische Bildungsopposition (ABO), die einfach handelt und sich um die länderspezifischen Selbstdarstellungspirouetten nicht weiter schert. Kein Gesetz der Welt kann Eltern verbieten, die Sache der Bildung selbst in die Hand zu nehmen. Luther hat es vorgemacht: Nach seiner schöpferischen Zwangspause auf der Wartburg entstanden überall in Deutschland kleine Protestantengemeinden, die die wichtigen Dinge des damaligen Lebens schlicht anders gemacht haben. Worauf warten wir noch?

Professor Dr. Dieter Lenzen ist Vizepräsident der Freien Universität Berlin.

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