Gesundheit : „Es geht um die legitime Erbfolge“

Die Humboldt-Uni verteidigt ihre Tradition seit 1810 und ihren Anspruch auf die Nobelpreise

Rüdiger vom Bruch

Zwischen Freier Universität und Humboldt-Universität gibt es Streit: Wer darf sich die seit 1911 an Berliner Professoren verliehenen Nobelpreise zuschreiben? Eine, beide oder keine? Denn weder FU noch HU haben seit 1948/49 Nobelpreisträger aufzuweisen, denen für ihre Forschung während ihrer Tätigkeit an einer der beiden Universitäten der Preis zuerkannt wurde. Es geht also um die legitime Erbfolge. Der scheinbar skurrile Streit hat einen realen Hintergrund: Die Shanghai-University veröffentlichte ein Ranking der 500 weltbesten Universitäten, und dabei erlangte 2003 die FU den sehr ehrenvollen Platz 95, weil ihr neben anderen Kriterien alle Nobelpreise seit 1911 angerechnet wurden. Nach Protest der HU gingen die Nobelpreise auf ihr Konto, und sie landete nun auf Platz 95. Dagegen wiederum protestierte vehement die FU.

Wie ist dieser Streit zu bewerten? Es gibt eine juristische, eine moralische und eine wissenschaftspolitische Dimension. Juristisch scheinen die Dinge recht eindeutig. Die vormalige Friedrich-Wilhelms-Universität nahm, namenlos, am 29. Januar 1946 ihren Betrieb wieder auf, unter strengster Kontrolle durch die von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) damit beauftragte Deutsche Verwaltung für Volksbildung (DVV). Gebäude und Personal verbürgten Kontinuität. Rektor Johannes Stroux war ein schon in den dreißiger Jahren hochrenommierter Altphilologe der Berliner Universität. Oder doch keine Kontinuität? Am 12. Mai berichtete der Tagesspiegel über Forschungsergebnisse des FU-Soziologen Siegward Lönnendonker, der eine kommunistische Neuschöpfung, keine Wiedereröffnung betont.

Was ist davon zu halten? Der Begriff Wiedereröffnung wurde 1945/46 in der Tat sorgsam vermieden, aber nicht, um alle Bezüge zur vormaligen Berliner Universität zu kappen – die Sowjets bewiesen hohen Respekt vor dem Erbe deutscher Kultur und Wissenschaft –, sondern weil die einseitig von SMAD und DVV betriebene Wiedereröffnung eindeutig gegen das Viermächtestatut für Berlin verstieß.

Vor allem die Amerikaner reagierten empört und waren nur mühsam zu einer Teilnahme am Eröffnungsakt im Admiralspalast zu bewegen. Wenig überzeugend auch das Argument, die vormaligen Anstellungsverhältnisse seien erloschen, von 900 Professoren und Dozenten seien nur 120 neu eingestellt worden. Denn das entsprach der nur zu gut verständlichen Denazifizierung in allen Besatzungszonen. Wurde etwa die Universität Tübingen neu begründet, weil die Franzosen eine ähnlich rigide Personalpolitik betrieben? Und setzte der personelle Umbau nach 1989 universitätsgeschichtliche Tradition außer Kraft?

Die Humboldt-Universität beruft sich nicht nur auf die Ideen Wilhelm von Humboldts, sondern setzt sich kritisch mit ihrem gesamten schwierigen Erbe in Preußen, Kaiserreich, Demokratie und zwei Diktaturen auseinander, gerade weil sie sich ihrer Verantwortung für den Gesamtzeitraum bewusst ist. Schließlich die unbestreitbare Tatsache von „Unterdrückung und Verfolgung jeglicher Opposition durch Verhaftung und Verschleppung, Bespitzelung und Terror bis in die Hörsäle“, wie Lönnendonker zitiert wird: Gemäß solcher Argumentation wäre die überkommene Berliner Universität bereits 1933 weder legal noch legitim gewesen. Das Problem ist aber gerade, auf ständige Spannungen zwischen den Maximen von neuhumanistischer Persönlichkeitsbildung und unablässig offener Forschungsuniversität gemäß Humboldt und staatlichen Zumutungen zu achten. Das beginnt nicht erst mit den Diktaturen, sondern schon vor der Gründung 1810.

Die Freie Universität entstand 1948 im amerikanischen Sektor als Protest vor allem von Studenten gegen sozialistische Indoktrinierung in Mitte. Damit ist die moralische Dimension angesprochen.

Die FU beansprucht, die geistige Tradition des Universitätsgründers Wilhelm von Humboldt fortzuführen. Den Namen Humboldt-Universität trug die Universität in Mitte als Reaktion auf die FU-Gründung seit Anfang 1949 – in Anlehnung an einen von den Brüdern Wilhelm und Alexander verkörperten, Geistes- und Naturwissenschaften umschließende Humanismus. Allerdings spielte das Humboldt-Erbe für die FU nie eine zentrale Rolle, auch nicht bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag ihrer Neugründung 1998. Sie zehrte von ihrem Gründungsmythos, einer Verbindung von deutschem Freiheitswillen und amerikanischer Unterstützung 1948, während die Humboldt-Universität sich vor und nach der Wende stets auf das Erbe seit 1810 berief. Lediglich zum 150-jährigen Jubiläum 1960 haben beide Universitäten in umfangreichen Festschriften der Entwicklung seit 1810 gedacht.

Doch die Standorte Dahlem beziehungsweise Mitte entwickelten eine je eigene Dynamik. Es ist bekannt, dass die Humboldt-Universität mit einigem Aufwand ihre 200-Jahr-Feier 2010 vorbereitet, Proteste dagegen sind nicht bekannt. Gerade weil die Humboldt-Universität den historischen Rückblick als kritische Auseinandersetzung versteht, stellt sie sich vorrangig den schwierigsten Zeitabschnitten. Zu Beginn dieses Jahres erschienen zwei Bände „Die Berliner Universität in der NS-Zeit“. Eine Fortsetzung für SBZ und DDR wird derzeit vorbereitet.

Schließlich die wissenschaftspolitische Dimension: Die FU sieht ihre Zukunftsfähigkeit neben aktuellen wissenschaftlichen Leistungen vor allem in ihren vielfältigen Vernetzungen mit der westlichen Welt. An einem internationalen Netzwerk mangelt es auch der Humboldt-Universität nicht. Doch sie setzt vor allem auf Tradition als Verpflichtung für die Zukunft. Die Berliner Gründung von 1810 war ungewöhnlich innovativ: mit neuen Ideen, mit herausragenden Köpfen. Jedes Mitglied der Wissenschaftsakademie konnte an der Universität lehren. So wurde man binnen eines Jahrhunderts die deutsche Eliteuniversität. Darum legt die Humboldt-Universität so großen Wert auf die vielen Nobelpreisträger in ihrer langen Geschichte.

Der Autor ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität.

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