Gesundheit : "Es gibt dringenden Handlungsbedarf für den Gesetzgeber" (Interview)

Das menschliche Erbgut ist entschlüsselt. Ist

Dietmar Mieth (59) ist theologischer Ethiker an der Uni Tübingen

Das menschliche Erbgut ist entschlüsselt. Ist das ein Grund zum Feiern?

Man sollte die Euphorie etwas dämpfen. Die Buchstabenfolge des menschlichen Genoms ist zwar ermittelt, aber wir können die Sprache noch nicht lesen. Bislang kennen wir die Worte und Eigenschaften nicht.

Dennoch werden bald bestimmte Genorte als Indikatoren für Krebs, frühen Herztod oder Diabetes identifizierbar werden.

Richtig. Man wird bald an bestimmten Stellen im menschlichen Erbgut gut Bescheid wissen. Dann können wir zahlreiche Erbkrankheiten diagnostizieren, sie aber nicht therapieren. Die medizinische Ethik fordert darum ein Recht des Menschen auf Nichtwissen.

Werden dann Krankenkassen oder Lebensversicherer Kunden mit "besserem" Erbgut günstigere Prämien anbieten?

Die Gefahr existiert. Ich gehe aber davon aus, dass die signifikanten Persönlichkeitdaten des Erbgutes tatsächlich privat bleiben. Skeptisch bin ich, ob das lückenlos gelingt. So könnten Bewerber auf einen Arbeitsplatz auf die Idee kommen, mit ihrem "guten" Erbgut zu prunken und die Resultate ungefragt ihrem Lebenslauf beilegen. Da sehe ich eine schwierige Problematik auf die Gesellschaft zukommen.

Muss der Gesetzgeber reagieren?

Auf jeden Fall. Der Gesetzgeber muss handeln, bevor diese neuen Probleme nicht mehr einholbar sind. Er muss den rechtlichen Handlungsbedarf klären lassen und dann vorbeugend tätig werden.

Gilt das auch für Patente auf menschliches Erbgut?

In der Patentfrage von menschlichen Genen hat es in Europa bereits einen Dammbruch gegeben. Die EU-Richtlinie zur Biopatentierung sieht solche Patente inzwischen vor - aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Über die Konsequenzen dieses Schrittes wurde nicht ausreichend nachgedacht. Hier sind alle ethischen Einwände und Fragen von der Entwicklung überrollt worden.

Welche Probleme ergeben sich daraus?

Durch die Faszination und die Neuheit dieser Forschungen entsteht die Gefahr, dass das Bild des Menschen immer mehr "genefiziert". Wir betrachten den Menschen und seine Eigenschaften zunehmend von den Genen her und nicht mehr von seinen sozialen Bezügen und seiner Selbstbestimmung her. Es wird die Tendenz zunehmen, die Moral des Menschen primär biologisch oder neurologisch abzuleiten. Dadurch aber verliert man den Blick auf das, was die Philosophen die Freiheit des Menschen nennen. Das Gespräch führte Martin Gehlen

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