Gesundheit : „Es gibt ein gemeinsames Interesse“

Die Vertreibungen sollten in einem Netzwerk erforscht werden, sagt der Historiker Martin Schulze Wessel

-

Es dürfe kein Erinnerungsverbot für die vertriebenen Deutschen geben, appellierte Kanzlerkandidatin Merkel jetzt an Polens Präsident Kwasniewski. Hat sie damit vielen Deutschen aus der Seele gesprochen?

Die Erinnerung der vertriebenen Deutschen wird in regionalen Museen, auf Treffen der Landsmannschaften und durch eine Vielzahl von DokumentarSendungen im Fernsehen gepflegt. Dass es ein Tabu der Erinnerung für Vertriebene in Deutschland gebe, ist schlicht nicht zutreffend. Die Annahme, dass ein solches Tabu von polnischer Seite errichtet würde, ist irreführend. Für ein Dokumentationszentrum gegen Vertreibungen hätte man von Anfang an eine gemeinsame Lösung mit den östlichen Nachbarn Deutschlands suchen können und müssen.

Brauchen wir in Deutschland also keine nationale Dokumentationsstätte über die Vertreibungen?

Es gibt regionale Dokumentationsstätten wie das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg, das Oberschlesische Museum in Ratingen oder das Donauschwäbische Museum in Ulm. Demoskopische Untersuchungen zeigen, dass selbst unter den Vertriebenen die Kenntnis über diese Museen nicht allzu hoch ist. Dennoch: Die Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen aus dem östlichen Europa ist ein tiefer Einschnitt in der deutschen und europäischen Geschichte. Das Projekt eines nationalen Dokumentationszentrums ist berechtigt, sofern es im internationalen Dialog, ohne Nebenabsichten und mit einer überzeugenden Konzeption unternommen wird.

In Polen und auch in Tschechien wächst seit 1989 das öffentliche Interesse an den historischen Traditionen der ehemaligen deutschen Ostgebiete. Warum wird dann das von Erika Steinbach initiierte Berliner „Zentrum gegen Vertreibungen“ so angefeindet?

Die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ wird wesentlich vom Bund der Vertriebenen getragen. Während in der deutschen Öffentlichkeit der BdV, verglichen mit den Diskussionen der Siebziger- und Achtzigerjahre, an Akzeptanz gewinnt, wird er in der polnischen Öffentlichkeit nach wie vor ausgesprochen negativ gesehen. Durch die personelle Verflechtung mit der „Preußischen Treuhand“, die in Polen Besitzansprüche Deutscher einklagen will, gibt es für die Ablehnung von polnischer Seite auch einleuchtende Gründe. Die unter jüngeren Polen und Tschechen deutlich zunehmende Neigung, sich mit der Geschichte der Zwangsmigrationen unvoreingenommen zu beschäftigen, wird durch das geplante Zentrum in seiner bisherigen Konzeption und Trägerschaft eher konterkariert.

Polnische Kritiker beschwören die Gefahr, dass durch ein Vertreibungsmuseum die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und der deutsch-polnischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts umgewertet werden soll – zu Recht?

Die Befürchtung richtet sich darauf, dass in der kollektiven Erinnerung des Zweiten Weltkriegs nur die Shoa und die Vertreibung der Deutschen tradiert werden. Die unermesslichen Gräueltaten NS-Deutschlands an der polnischen Bevölkerung, die systematische Zerstörung polnischer Kultur sind in Deutschland in viel zu geringem Maße bekannt.

Die Initiatoren des Zentrums wollen nicht allein die Aussiedlung der Deutschen, sondern auch „Vertreibung und Genozid an anderen Völkern“ im 20. Jahrhundert dokumentieren. Wird dadurch die Schuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg relativiert?

Es kommt auf das Konzept des Zentrums an, das immer noch nicht in der notwendigen Präzision vorliegt. Zur „europäischen Dimension“ der Vertreibungen hat die Stiftung eine schlichte Tabelle ins Netz gestellt, die Zahlenkolonnen mit zugehörigen nationalen Opfer- und Tätergruppen enthält, mehr nicht. Die schwierige konzeptionelle Frage ist ja, wie stellt man Vertreibungen mit sehr verschiedenen historischen Kontexten nebeneinander, ohne die spezifischen Ursachen und Folgen zu verwischen? Darauf gibt es bislang keine Antwort. Es besteht die Gefahr, dass in einer durch Einzelschicksale illustrierten Dokumentation die historischen Kontexte nur unzureichend vorkommen.

Der Holocaust an den europäischen Juden wird im Programm des Zentrums in das Jahrhundert der Vertreibung und ethnischen Säuberungen eingeordnet. Wie bewerten Sie das?

Dies zeigt bestenfalls die Gedankenlosigkeit der bisherigen Konzeption. Bemerkenswert ist, dass in der Vertriebenenliteratur seit den 50er Jahren eine Analogie zwischen der Shoa und der Vertreibung der Deutschen immer wieder hergestellt worden ist. Dieser ganz unangemessene Versuch, eine Vergleichbarkeit des Opferstatus herzustellen, wirft einen Schatten auf das ganze Zentrumsprojekt.

Warum ist eine vergleichende europäische Vertreibungsforschung trotzdem sinnvoll?

Eine vergleichende Vertreibungsforschung, die die Unterschiede zwischen Vertreibungsvorgängen untersucht, wird ja schon betrieben. Auch das von Kulturstaatsministerin Weiss geplante Netzwerk „Erinnerung und Solidarität“ hat sich das zur Aufgabe gemacht. In dem Netzwerk sollen historische Institute und Museen europaweit über Themen wie Vertreibungen, Zwangsmigrationen, Diktaturen und Leiden der Zivilbevölkerungen im Krieg forschen und Ausstellungen erarbeiten. Die Arbeit soll von einer Stiftung mit Sitz in Warschau getragen werden. Es ist zu hoffen, dass dieses Gemeinschaftsprojekt unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahlen weiter gefördert wird. Nur durch dialogisch angelegte Strukturen ist eine unvoreingenommene Diskussion über Vertreibungen in Deutschland und seinen östlichen Nachbarländern zu fördern. Und nur so kann es gelingen, dass sich die Geschichtsbilder vom 20. Jahrhundert in Mitteleuropa einander annähern – was nach dem EU-Beitritt Polens und Tschechiens noch wichtiger ist als zuvor.

Hat die deutsche Geschichtsforschung das Thema Vertreibung zu lange ignoriert?

Nein, es gibt eine lange, wenn auch vorübergehend rückläufige Tradition der Erforschung von Vertreibungen. Schon in den 50er Jahren ist im Auftrag des Bundesministeriums für Flüchtlinge, Vertriebene und Kriegsgeschädigte eine Dokumentation von 10000 Erfahrungsberichten ediert worden. Daneben ist in dieser Zeit eine große Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Vertreibung auf den Markt gekommen. In den 70er Jahren hat das nachgelassen, bis in den 80er Jahren ein neues Interesse an der Integration der Vertriebenen entstand. Seit den 90er Jahren hat sich eine umfassendere „Vertreibungsforschung“ entwickelt, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen und Tschechien. Beispielhaft sind große gemeinsame Editionsprojekte wie das von Hans Lemberg und Wlodzimirz Borodziej über Vertreibungen aus Polen, das inzwischen zweisprachig vorliegt. Oder ein entsprechendes, noch laufendes binationales Editionsprojekt zu Tschechien, das von Detlev Brandes betreut wird.

Wie diskutieren Sie das Thema Vertreibung mit Ihren polnischen und tschechischen Historikerkollegen?

Entspannt – es gibt ein gemeinsames Interesse an der Aufarbeitung und erhebliche Leistungen auf diesem Gebiet.

Das Berliner Zentrum soll auch dokumentieren, wie sich Deutschland durch die Integration der Vertriebenen verändert hat. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen sind bis heute spürbar?

Die Wirkungen sind sicher vielfältig, aber auch schwer abzuschätzen. Unmittelbar nach dem Krieg war vor allem wichtig, dass die Vertriebenen den Arbeitskräftemangel in Deutschland ausgeglichen haben. Darüber hinaus kam es teilweise zu einem Transfer von Know- how, wenn sich Vertriebene aus industriellen oder gewerblich geprägten Gebieten in ländlichen westdeutschen Gebieten niederließen. Schließlich ist ein Effekt der Integration der Vertriebenen darin zu sehen, dass die homogen-konfessionelle Prägung vieler Gebiete in Deutschland deutlich nachließ.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben