Gesundheit : „Es gibt eine Verpflichtung zur Neugier“

Der Hirnforscher Wolf Singer plädiert für mehr Aufgeschlossenheit gegenüber der zweckfreien Wissenschaft

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Herr Singer, der SuhrkampVerlag, die Heimat der kritischen Intellektuellen in Deutschland, hat Sie als einzigen Naturwissenschaftler in seinen neuen Stiftungsrat berufen – eine kleine Revolution.

Ich hatte wegen meines Buchprojektes „Der Beobachter im Gehirn“ im Verlagshaus zu tun. Da fiel mir dann auf, dass Suhrkamp in seiner Wissenschaftsreihe fast ausschließlich geisteswissenschaftliche Themen aufnimmt. Man hat mich daraufhin in den Stiftungsrat berufen, und ich bringe dort nun die Argumente der Naturwissenschaften zur Geltung.

Leiden wir in Deutschland unter einer Wissenschaftsfeindlichkeit gegenüber den Naturwissenschaften?

Ich glaube, es wird nicht zur Kenntnis genommen, dass es eine Verpflichtung zur Neugier gibt. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft muss es auch Menschen geben, die sich bemühen, das Wissbare in Erfahrung zu bringen. Aber viele misstrauen der Wissenschaft. Außerdem gibt es eine gehörige Portion Angst hinsichtlich der Manipulierbarkeit der Lebenswelt durch wissenschaftliche Erkenntnisse – ich denke da an das Genomprojekt und die Hirnforschung.

Woher kommt diese Angst?

Vornehmlich aus der schlechten Informiertheit der Öffentlichkeit. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Politiker oder Wirtschaftsführer über das Bescheid wissen, was die Naturwissenschaften zu Tage fördern. Es wird als selbstverständliches Kulturgut erachtet zu wissen, was Goethe oder Hegel geschrieben haben. Aber das, was die Naturwissenschaften tun, wird oft missverstanden und als nicht notwendiges Wissen abgetan.

Aber Politiker umgeben sich doch mit immer mehr Expertenkommissionen.

Das heißt ja nicht, dass sie deren Ergebnisse berücksichtigen. Und das liegt wiederum an der mangelnden Rezeption von Wissenschaft in der Bevölkerung. Letztere übt deshalb ihrerseits als Wahlvolk auf die Politiker keinen Zwang aus, wissenschaftlichen Ergebnissen die nötige Aufmerksamkeit zu zollen. Wegen der Angst und Uninformiertheit der Menschen zögert man ja, Gesetze zu erlassen, die zum Beispiel den Anbau von gentechnisch manipuliertem Mais erlauben.

Sie plädieren dafür, dass die Vermengung von Forschung und Anwendung wieder rückgängig gemacht wird. Warum?

Alle Projekte sind in der Vergangenheit gescheitert, in denen man versucht hat, problemorientiert nur das zu tun, von dem man hoffte, dass es in kurzer Zeit Lösungen bringen würde. In Amerika ist das groß angelegte Projekt, dem Krebs auf die Spur zu kommen, völlig gescheitert. Es zeigte sich, dass mögliche Lösungen aus Bereichen kamen, an die niemand in diesem Zusammenhang vorher gedacht hatte. Sehen Sie, so lange ich nicht weiß, was ich morgen entdecken werde, kann ich mir nicht vornehmen, was ich morgen tun will, um ein Problem zu lösen. So funktioniert Grundlagenforschung nun einmal.

Wie wollen Sie das unter dem Druck der Verwirtschaftlichung aller gesellschaftlichen Bereiche durchsetzen?

Indem man immer wieder auf die Absurdität einer reinen Ökonomisierung von Forschung hinweist und andere erfolgreiche Beispiele zeigt. Finnland etwa, das in einer noch bedrückenderen Lage war als wir: hohe Arbeitslosigkeit, gar keine High-Tech-Industrie und ein niedriges Bildungsniveau. Die finnische Regierung beschloss daraufhin, massiv in Bildung und Grundlagenforschung zu investieren, ohne jeden Seitenblick auf die Verwertbarkeit. Mit Erfolg, wie man jetzt sieht. Viele neue Erfindungen kommen heute aus Finnland, die Wirtschaft hat sich erholt.

Das Interview führte Bernd Rasche.

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