Gesundheit : „Es gibt noch Inseln des Dialogs“

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Herr Bar-Tal, sie beschäftigen sich seit zwanzig Jahren intensiv mit den psychologischen und sozialen Voraussetzungen von Versöhnungsprozessen. Welches wären die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Deeskalation des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern?

Zunächst müsste es natürlich zu einem Waffenstillstand kommen, erst dann könnten erste politische Schritte zu einer Versöhnung unternommen werden. Die psychologische Grundlage für solch einen Versöhnungsprozess ist derzeit allerdings vollkommen zerstört. Die Fähigkeit zu verhandeln, einen Kompromiss zu suchen, ist auf beiden Seiten verloren gegangen. Ein internationales Einschreiten wäre deshalb als weitere Voraussetzung unbedingt nötig.

Es war ein symbolischer Akt, Scharons Besuch auf dem Tempelberg, der am Beginn der jüngsten Eskalationen stand. Könnte ein symbolischer Akt eine erneute Wende bringen?

Die Bedeutung von Scharons Aktion auf dem Tempelberg wird meiner Ansicht nach überschätzt. Der wirklich entscheidende psychologische Wendepunkt bildete in Israel das Scheitern der Vertragsverhandlungen in Camp David zwischen Barak und Arafat. Barak – und auch Clinton – erweckten damals den Eindruck, es habe sich um ein außerordentlich großzügiges Angebot für die Palästinenser gehandelt. Israel hätte alle wesentlichen Forderungen erfüllt, man hätte wirklich alles versucht, doch die Palästinenser lehnten ab, weil sie schlicht keinen Frieden wollen. Das war das Bild, das damals in der Öffentlichkeit erweckt wurde und noch heute wirksam vorherrscht. Rein sachlich stimmt das natürlich nicht. Gerade in der für ihn zentralen Frage der Rückführung von Palästinensern aus den Nachbarländern konnte Arafat damals nichts erreichen.

Was bedeutet das psychologisch?

Die weit geteilte Überzeugung, alles versucht zu haben und dennoch zurückgewiesen worden zu sein, führte auf beiden Seiten zu einer enormen Frustration. Gewaltakte waren die Folge. Die damals eingetretene Enttäuschung dient noch heute als Basis für die israelische Verbitterung und die große Zustimmung, auf die Scharon zählen kann. Wenn sie von Symbolen und symbolischen Orten sprechen, dann wird Dschenin in der Erinnerung der Palästinenser in Zukunft sicher solch eine Funktion erfüllen.

Sie betonen immer wieder die Notwendigkeit politischen Handelns. Würden sie die Maßnahmen der Regierung Scharon noch als politische Maßnahme beschreiben?

Scharons Vorgehen hat ein ganz klares politisches Ziel. Seine Vision ist es, die derzeitige palästinensische Führung zu zerstören. Er hofft dann auf einen völlig neuen, geschwächten Ersatz, dem er einen Frieden zu seinen Bedingungen, eine Pax Israel, diktieren könnte. Das ist natürlich völlig abwegig. Scharon hat nichts aus der Geschichte, auch nichts aus seinen eigenen Fehlern gelernt. Dass die Hamas-Organisation heute existiert, ist eine Folge seiner Politik in den siebziger Jahren, in denen lokal begrenzt palästinensische Führer – die sich gegen die PLO stellten – von Israel unterstützt wurden.

Werden in dieser sehr kritischen Phase auch Experten aus dem akademischen Bereich von der Regierung hinzugezogen?

Davon kann keine Rede sein. Nicht einmal politische Experten werden einbezogen, von Psychologen oder anderen Wissenschaftlern ganz zu schweigen. Es ist ein sehr enger Kreis Vertrauter, der sich in seinen Ansichten bestärkt. Die akademische Welt selbst ist gespalten, wobei sich eine große Mehrheit gegen das derzeitige Vorgehen ausspricht. In der gesamten Bevölkerung allerdings sind etwa 70 Prozent mit dem Handeln der Regierung einverstanden. Sehen Sie, wir leben wirklich in einem Albtraum, jedes Heim, jede Familie ist von der Situation betroffen. Die Konzentration auf eigene Ängste und Sorgen, diese Traumatisierung wird politisch missbraucht, und der Mechanismus des Terrors läuft weiter. Das ganze Land ist derzeit ein einziges Labor für psychologische Forschung.

Die psychischen Anforderungen und Ängste, der tägliche Terror sowie die umfangreiche militärische Mobilisierung sind, gerade für die jungen Soldaten, sehr prägende Erlebnisse. Welche Wirkungen erwarten Sie auf längere Sicht für die israelische Gesellschaft?

Die Gesellschaft bezahlt einen fürchterlichen Preis. Wir schicken unsere Söhne nach Dschenin, traumatisieren sie durch das, was dort geschieht und getan wird. Solche Erfahrungen wenden sich auch gegen das israelische Volk. Schon jetzt ist eine große Zunahme der Aggressivität unter Israelis zu beobachten. Ich will ihnen ein Beispiel erzählen: Ich war neulich Zeuge eines Auffahrunfalls, da stieg der eine Fahrer aus und schoss plötzlich auf den anderen. Aggressivität, Frustration und ein zunehmender Unwille zur Toleranz, der auch die Freiheit der Meinungsäußerung betrifft, sind Folgen. Schon jetzt ist eine Selbstzensur in den israelischen Medien zu beobachten. Scharon ließ ja erklären, in Zeiten wie diesen sei Parteilichkeit eine patriotische Pflicht. Der Zeitungsleser in Israel bekommt derzeit kein objektives Bild der Lage.

Bei all den dunklen Konsequenzen, welches wären erste Anknüpfungspunkte auf dem Weg zu einer möglichen Versöhnung?

Das Erarbeiten nachhaltiger und friedlicher Beziehungen, die auf einer mehrheitlich geteilten gegenseitigen Anerkennung der anderen Seite beruhen, wird in jedem Fall ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess sein. Ein neues Ethos muss geschaffen werden, eingebunden in eine Kultur des Friedens. Versöhnungsprozesse sind dafür eine Voraussetzung. Aber die Hauptschwierigkeit von Versöhnung ist ja, dass dieser Prozess von beiden Seiten gleichermaßen Unterstützung erfahren muss. Die gesamte Gesellschaft muss einbezogen werden. Wirklich wirksam werden Versöhnungsbemühungen nur, wenn die gesellschaftlichen Bestrebungen „von oben nach unten“ und die „von unten nach oben“ sich gegenseitig verstärken.

Ist diese Hoffnung begründet?

Es gibt erfolgreiche Beispiele dafür, zum Beispiel der deutsch-französische Versöhnungsprozess. Ein Vorgang, der 40 Jahre bis zu seinem Abschluss benötigte. Hass und Angst sind um vieles leichter zu erzeugen als Vertrauen und Respekt. Ich selbst bin äußerst niedergeschlagen, denn ich habe mein wissenschaftliches und auch einen Großteil meines öffentlichen Lebens dem Projekt der Versöhnung gewidmet. Es gibt aber auch zwischen Israelis und Palästinensern gemeinsame soziale und auch akademische Projekte, Inseln des Dialoges, die noch aktiv sind. Es ist deshalb meine sehr menschliche Einstellung, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger in Stockholm, wo im Rahmen des Internationalen Forums Stockholm ein zweitägiger Kongress mit dem Titel „Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung“ stattfand. Professor Bar-Tal war als einer der Hauptredner geladen.

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