Gesundheit : „Es kommt auf die richtige Balance an“

Was Christoph Markschies, Präsidentenkandidat, für die Humboldt-Uni plant

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Herr Markschies, warum ist der HU die Präsidentensuche so schwer gefallen?

Es wäre ein Zeichen eines bemerkenswert schlechten Stils, wenn ein Kandidat das Verfahren kommentieren wollte, das zu seiner Benennung geführt hat.

Warum haben Sie sich erst so spät bereit gefunden zu kandidieren?

Weil es ein wichtiges und schwieriges Amt ist und man bei solchen Ämtern überlegt, bevor man Ja sagt, wenn man um die Kandidatur gebeten wird.

Hätten Sie auch kandidiert, wenn es einen Gegenkandidaten gegeben hätte?

Wäre auf den Kandidaten angekommen.

Aus der Uni kommt Kritik am Vorgehen der Findungskommission.

Es wäre auch schlechter Stil, zu kommentieren, was andere kommentiert haben. Meiner Ansicht nach bemühen sich gegenwärtig einzelne Professoren, das Kuratorium und der Vorstand des Konzils, das Verfahren der Kandidatenfindung zu optimieren, weil bald wieder Vizepräsidenten-Wahlen anstehen. Wer sollte etwas dagegen haben?

Berlin ist als hochschulpolitisch schwieriges Pflaster bekannt. Doch Sie sind hochschulpolitisch nicht besonders erfahren.

Der Eindruck mangelnder hochschulpolitischer Erfahrung täuscht. Ich war – um nur ein einziges Beispiel zu nennen – jüngst im Bundestagsauschuss Forschung mit einer Initiative des Bundestages zur Stärkung der Geisteswissenschaften befasst. Was die vermeintlichen besonderen Schwierigkeiten in Berlin betrifft, relativieren sie sich beim Blick auf andere Bundesländer. Als es etwa um den 25-prozentigen Landesanteil ging, den die Länder zum Exzellenzwettbewerb beisteuern müssen, kamen die ersten Signale, dass das schwierig werden könnte, aus Bayern, nicht aus Berlin. Im Übrigen bin ich in Berlin geboren und verfolge die hiesigen wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen schon ziemlich lange. Aus eigener Anschauung kenne ich sie durch meine Tätigkeit im Beirat des Wissenschaftskollegs und des Vorstandes der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Was muss der Präsident jetzt anpacken?

Er muss seine Kollegen dabei unterstützen, die Ausarbeitung der Vollanträge für den Exzellenzwettbewerb spannend und überzeugend hinzubekommen. Und er muss das 12-Punkte-Programm des bisherigen Präsidiums so fortsetzen, dass er jeweils ergänzt, was jetzt erforderlich ist. Wieder nur wenige Beispiele: Wie bekommen wir einen tenure track für Juniorprofessoren hin, wie kann die HU ihre Alumniarbeit gestalten und die klügsten Studierenden wie Professoren anwerben, wie stärkt sie das Gefühl der Uni-Angehörigen, Humboldtianer zu sein?

Berlins Wissenschaftssenator befürchtet, an den Universitäten könnten sich Präsidialregime etablieren. Im November soll das HU-Konzil über die Viertelparität abstimmen. Wurden die Sparbeschlüsse an den Unis zu autoritär durchgesetzt?

In der Zeit, als die Sparbeschlüsse gefallen sind, war ich noch nicht an der HU. Aber entscheidend ist bei solchen Prozessen die richtige Balance: Es muss einen entschlossenen Vorschlag geben, dann eine breite Diskussion und schließlich die ebenso entschlossene Umsetzung. Sonst würde das Schiff ohne Steuerung dahin treiben. Auf der Kommandobrücke steht aber nie nur einer allein: Die HU hat in ihren Vizepräsidenten ein starkes Team, auch den anderen Professoren liegt die Uni sehr am Herzen. Und kluge Argumente zählen immer, egal von wem sie stammen. Deshalb sehe ich keinen Anlass, eine Viertelparität einzuführen.

Sind Sie wie Mlynek für Studiengebühren?

Der Staat allein kann die Universitäten nicht mehr finanzieren. Wer gegen Gebühren ist, muss also sagen, wo er das Geld stattdessen herbekommt. Gebühren jedoch, die an den Staat weitergeleitet werden, sind verkappte Sondersteuern für Geringverdienende. Die Gebühren müssen daher den Universitäten zugute kommen. Und es sollte sichergestellt werden, dass unsere Bemühungen, Studierende aus allen sozialen Schichten zu rekrutieren, nicht durch ein fehlendes Stipendiensystem konterkariert werden.

Wie wird die Teilnahme am Exzellenzwettbewerb die HU verändern?

Der Wettbewerb wird zunächst gewaltige Auswirkungen auf die Lehre haben, weil eine Menge neues Personal hinzukommt und exzellente Bereiche gestärkt werden. Das wird auch dazu führen, dass der notwendige Prozess der Schwerpunktsetzung innerhalb der Volluniversität objektiviert wird. Denn das Profil wird dann nicht mehr das zufällige Ergebnis eines Streits der Professoren Müller und Schulze um einen zusätzlichen Assistenten sein, sondern von einer unabhängigen Kommission mit bestimmt.

Sie haben gesagt, jüngere Wissenschaftler könnten die Konkurrenz mit der FU gar nicht verstehen. Wären Sie bereit gewesen, die Nobelpreise der alten Berliner Uni im Shanghai-Ranking mit der FU zu teilen?

Man sollte nicht über vergangene Nobelpreise streiten, sondern versuchen, neue zu gewinnen. Im Übrigen treffen andere die Entscheidung darüber, welche Uni in direkter Kontinuität zu Humboldts Universität steht, als die Hochschulen, die diesen Anspruch erheben.

Viele Forscher fühlen sich bei der Forschung an embryonalen Stammzellen eingeschränkt. Würden Sie als HU-Präsident sich für größere Freiheiten engagieren?

Ein Präsident – allzumal aus den Geisteswissenschaften – sollte sich immer energisch für Freiheit der Forschung seiner Wissenschaftler engagieren. Die natürliche Grenze seines Engagements ist sein Gewissen und die Ehrfurcht vor dem Leben. Mein Eindruck ist aber, dass sich die heftige Debatte ohnehin etwas entspannt hat, weil die Forschung zunehmend Alternativen zu den umstrittenen Verfahren entdeckt. Eine Änderung der Rechtslage ist, wie auch die DFG festgehalten hat, meines Erachtens nicht notwendig.

Das Gespräch führte Anja Kühne

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