Gesundheit : Es liegt was in der Luft

Feinstaub ist eine bislang unterschätzte Gesundheitsgefahr, sagen Lungenärzte

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Stadtluft macht frei. Aber muss die Freiheit mit Risiken für die Gesundheit bezahlt werden? 2470 Hauptstädter sterben jedes Jahr vorzeitig, weil zu viele Schadstoffe in der berühmten Berliner Luft liegen. Vor allem alte, durch chronische Krankheiten geschwächte Menschen sind gefährdet. Das HochrechnungsErgebnis wurde anlässlich des 46. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie genannt, zu dem sich noch bis Sonnabend 3000 Lungenspezialisten im Berliner Congress-Centrum treffen.

Es schien dabei schon ein wenig still geworden zu sein um das Thema Luftverschmutzung. Tatsächlich gab es in den letzten Jahren vor allem Erfolge zu melden. So hat sich der Ausstoß von Schwefeldioxid und Stickstoffoxiden deutlich vermindert.

Auch bei den Staubemissionen gab es deutliche Verbesserungen. „Im Bereich der gröberen Partikel ist ein Rückgang zu verzeichnen, der teilweise bis zu 90 Prozent beträgt“, sagte auf dem Kongress Ministerialdirektor Uwe Lahl vom Bundesumweltministerium. Den mit Ruß beladenen Nebel kennt heute glücklicherweise keiner mehr, der in den 50er-Jahren etwa im Londoner Wintersmog zu Schwebstaubkonzentrationen von 10 000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft führte, die in Europa seitdem nie mehr gemessen wurden. Ein wachsendes Problem sind dafür die Feinstäube, die weniger als zehn Mikrometer Durchmesser haben. Die Fachleute bezeichnen diese mikroskopisch kleinen, gleichmäßig verteilten stabilen Teilchen in der Außenluft als „partikelförmige Materie“, kurz PM (siehe Kasten).

Diese Teilchen werden entweder direkt freigesetzt, zum Beispiel bei unvollständigen Verbrennungsprozessen. Oder sie entstehen erst, wenn Emissionen in der Luft reagieren und dabei feinste Partikel bilden. In der Natur kommen solche Partikel kaum vor. Eine Erklärung für die Zunahme der Konzentration an Mini-Teilchen ist, dass die gröberen Partikel, an die sie sich anlagern könnten, inzwischen abnehmen.

An den festen Messstationen, die überall im Bundesgebiet verteilt sind, ist inzwischen, wie der Lungenspezialist und Kinderarzt Davis Groneberg von der Berliner Charité berichtete, ein drastischer Anstieg von PM 10 zu verzeichnen. Hauptverursacher ist der Straßenverkehr. Und hier haben Umweltpolitiker und -mediziner vor allem den Ruß im Visier, der nach unvollständiger Verbrennung von Diesel entsteht.

Gefahren ergeben sich, wie Pädiater Groneberg erklärte, dadurch vor allem für die Gesundheit der Kleinsten. „In wissenschaftlichen Arbeiten konnte gezeigt werden, dass sich die Lungenfunktion von Kindern umso schlechter entwickelt, je mehr sie den Schwebstaub-Partikeln ausgesetzt sind.“ Das bedeutet: Die Lunge hat möglicherweise weniger Reserven, die im späteren Leben bei krankheitsbedingten Engpässen wichtig sein könnten. Bei Erwachsenen verschlechtern sich vor allem schon bestehende Lungenprobleme wie chronische Bronchitis oder Asthma, ablesbar etwa am erhöhten Medikamentenverbrauch.

„Zehn Mikrogramm mehr Feinstaub pro Kubikmeter Luft verkürzen die Lebenserwartung um etwa ein halbes Jahr“, schätzt Groneberg aufgrund der vorliegenden Ergebnisse aus bevölkerungsbezogenen Langzeit-Studien. Umgekehrt wurde in Studien gezeigt, dass eine Verminderung der Feinstaub-Konzentration mit deutlich weniger lungenbedingten Todesfällen einherging. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt für Deutschland eine Lebenszeitverkürzung von 10,2 Monaten aufgrund der bestehenden Feinstaub-Emissionen an. Eine wissenschaftlich gesicherte Schwelle, ab der der Staub die Gesundheit gefährdet, ergibt sich aus alldem aber nicht. Grenzziehungen sind deshalb eher politisch als medizinisch begründet.

Seit Beginn dieses Jahres gelten die Grenzwerte, auf die man sich EU-weit einigen konnte. Überschreitungen verzeichnen jetzt in Berlin vor allem diejenigen der 21 Messstationen, die an der Stadtautobahn liegen. Auch etwas niedrigere Werte sind laut Groneberg aber kein Grund zur Entwarnung, denn der Schwebstaub konzentriert sich ausgerechnet auf der Höhe, auf der sich die Fußgänger bewegen und Kinderwagen geschoben werden.

Auf die wichtigste Gefahr für die Lunge kann allerdings jeder selbst Einfluss nehmen: Tabakrauch. Er ist mit 50 krebserregenden Bestandteilen, schleimhautreizenden Stoffen, Giften und Allergenen der wichtigste Innenraum-Luftschadstoff.

Der Zusammenhang zwischen Lungenkrankheiten und Rauchen – ein weiteres wichtiges Thema des Kongresses – ist dabei wissenschaftlich weit präziser abgesichert als der zwischen Luftschadstoffen und Gesundheit. 1,3 Milliarden Menschen rauchen trotzdem. Wie die Experten die Gefahren gewichten, zeigt sich an der Empfehlung, den Zigarettenrauch möglichst oft durch Lüften zu entfernen. Auch wenn man an einer Hauptstraße wohnt.

Über die Qualität der Berliner Luft kann man sich noch bis Sonnabend vor dem Berliner Congress-Centrum (bcc) am Alexanderplatz im „Berliner Luft Raum“ informieren. Mehr im Internet unter www.lungencheck.de

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