Gesundheit : Es muss nicht immer die Couch sein

Vor dem 150. Geburtstag Sigmund Freuds streiten Experten über den Nutzen der Psychoanalyse

Adelheid Müller-Lissner

Mozart haben wir einträchtig gefeiert, auch Heinrich Heine hat heute fast nur Bewunderer. Am nächsten großen Jubilar des Jahres 2006, dem Wiener Arzt Sigmund Freud, der am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg geboren wurde, scheiden sich jedoch seit langem die Geister. Er habe seine „ältesten Träume nach Aufschlüssen und Fingerzeigen durchwühlt“, schreibt der Schriftsteller Vladimir Nabokov, einer der bissigsten Freud-Kritiker, in seinen Erinnerungen von 1951, „und ich möchte gleich sagen, dass ich die vulgäre, schäbige, durch und durch mittelalterliche Welt Freuds mit ihrer spinnerten Suche nach sexuellen Symbolen und ihren verbitterten Embryos, die von ihrem natürlichen Unterschlupf aus das Liebesleben ihrer Eltern bespitzeln, ganz und gar ablehne.“

In der Sicht der Sexualität, namentlich „in Sachen Weiblichkeit“, sei Freud ein Mann seiner Zeit gewesen, sagt auch Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des traditionsreichen Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main. „Aber Freud hat eine Methode ins Leben gerufen, die sich heute noch eignet, Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen nachhaltig und gut zu behandeln.“

Tatsächlich landen heute acht Prozent der Deutschen, die auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung eine Psychotherapie machen, im Behandlungszimmer eines Psychoanalytikers – aber nicht immer auf der berühmten Couch. Dass ihnen dort geholfen werden kann, war möglicherweise der einzige Punkt, in dem sich die Teilnehmer des Zeit-Forums der Wissenschaft am Dienstagabend in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wirklich einig waren. „Sigmund Freud: Das Rätsel der menschlichen Psyche“, so lautete das Thema der Podiumsdiskussion.

Hans Markowitsch, Psychologe an der Universität Bielefeld, hob lobend hervor, dass Freud diesem Rätsel mit seinem Konzept des Unbewussten ein Stück näher gekommen sei. „Er hat die Wechselwirkung zwischen Kognition und Emotion erkannt, heute wissen wir genauer, was dabei auf Hirnebene passiert.“ Auch Frank Rösler, Psychologe an der Universität Marburg, glaubt: „Freud war sehr weitsichtig, viele seiner Erkenntnisse sind aber erst heute zu belegen“ – mit den Möglichkeiten der modernen Bildgebung.

Verdienste um eine neue Sicht der menschlichen Psyche spricht dagegen der Münchner Psychiater Hans Förstl Freud kategorisch ab. Vieles sei schon längst vorher bekannt gewesen. Er bezweifle zudem, dass die Theorie des Unbewussten in der Therapie wirklich hilft, sagte Förstl. Ein genialer Schachzug sei allerdings die Namenswahl für die neue Redekur: „Was wir alle ein Leben lang machen, ist doch Psychoanalyse. Diesen Begriff für die eigene ,Kirche‘ zu beanspruchen, ist die eigentliche Leistung“, meinte der Direktor der Psychiatrie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Denn eine quasi-religiöse Bewegung sei Psychoanalyse, der man sich bei ihm in Bayern zuerst im Religionsunterricht der Oberstufe genähert habe. Leuzinger-Bohleber widersprach energisch: Der Hinwendung zur Psychoanalyse sei bei ihr selbst wie bei vielen anderen eine Befreiung von der Religion vorausgegangen.

Freuds großes Verdienst sei, dass er eine neue Theorie für die psychische Entwicklung von Kindern aufgestellt habe und eine andere Sicht auf ihre innere Welt ermögliche, hob Peter Riedesser hervor. Der Kinder- und Jugendpsychiater vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf hat die Erfahrung gemacht, dass auch Jugendliche in der Therapie den Weg des Verstehens gehen wollen, um innere Muster des Verhaltens auflösen zu können – etwa bei einer Magersucht. In manchen Fällen allerdings sei dieser Weg zu langwierig: „Eine schwer Magersüchtige muss zuerst mit Hilfe von Verhaltenstherapie aufgepäppelt werden.“ Mit Kindern könne er ohnehin nicht im „psychoanalytischen Jargon“ reden, er übersetze ihn in Alltagssprache und betrachte die Psychoanalyse überhaupt ganz pragmatisch als Instrument: „Ich nehme daraus das Beste für mich.“

Psychoanalytiker seien meist gute Therapeuten, sie investierten viel Zeit und nähmen die Menschen ernst, die sich ihnen anvertrauten, lobte sogar Förstl. Und fragte: „Aber wie gut wären sie als Therapeuten, wenn sie sich dem Lehrgebäude Freuds nicht unterwerfen würden?“ Alle waren sich indes einig, dass keine Psychotherapie, ob sie nun eher auf „Verstehen“ gerichtet ist wie die Psychoanalyse oder auf Lernen und Trainieren wie die Verhaltenstherapie, unabhängig von der Person des Therapeuten wirkt. Und der muss von seiner Methode überzeugt sein. Von welcher auch immer.

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