Gesundheit : Es wird ernst für den Bachelor

Der Widerstand gegen die Studienreform formiert sich – doch die Berliner Universitäten sind optimistisch

Anja Kühne

Wenn es gegen den Bachelor geht, kämpfen konservative Kräfte Seit’ an Seit’ mit den links dominierten Asten. Auf der Immatrikulationsfeier der Freien Universität Berlin am Mittwoch nannte Studentenvertreter Ralf Hoffrogge den Bachelor einen „minderwertigen Abschluss“, dessen Anerkennung auf dem Arbeitsmarkt und im Ausland völlig ungewiss sei. Genau so die Berufsvertretung der Professoren: Der Bachelor werde unweigerlich einen „Qualitätsverlust“ nach sich ziehen, teilte der Deutsche Hochschulverband am gleichen Tag mit. Deshalb sei der Bachelor als Abschluss für die Masse der Studierenden nicht denkbar. Es sei zu begrüßen, dass neun große Technischen Unis, die Deutsche Physikalische Gesellschaft, der Evangelisch-Theologische Fakultätentag und der Deutsche Apothekertag sich vom Bachelor als Regelabschluss verabschiedet haben.

Die Motive der Koalitionäre, der linken Asten und mancher Professoren, sind dabei jedoch eigene: Die Studentenvertretungen protestieren gegen „Eliten- und Selektionsideologien“, wie Hoffrogge sich ausdrückt. Denn nur ein Drittel der Studierenden soll nach dem Bachelor in den meisten Fächern zum weiterführenden Master zugelassen werden. Die Universitäts-Professoren hingegen, zumal ältere, wehren sich gegen die Einschränkung ihrer Freiheiten in der Lehre, die ein straff organisiertes Studium mit sich bringt, gegen die höhere Arbeitsbelastung des studienbegleitenden Prüfens und gegen eine vermeintliche Annäherung des Uni-Profils an die Fachhochschulen. Kein Wunder, dass in Deutschland erst sechs Prozent aller Studierenden in den neuen Studiengängen eingeschrieben sind – obwohl es bis 2010 in ganz Europa nur noch die neuen Studiengänge geben soll.

Die Freie und die Humboldt-Universität lassen sich von diesem Widerstand nicht beirren. Nachdem in den vergangenen Semestern schon wenige kleine Studiengänge umgestellt wurden, starteten in dieser Woche auch Massenfächer wie Germanistik und sämtliche Lehramtsstudiengänge mit dem Bachelor. Während die Studierendenvertreter „chaotische Umstände“ beklagen und sich dabei auf Berichte von Erstsemestern berufen, sind viele Dozenten und Mitarbeiter von ihren ersten Erfahrungen begeistert – und pochen ihrerseits auf zahllose Gespräche mit Studienanfängern, die der Reform äußerst aufgeschlossen gegenüberstünden: „Die Erstsemester sagen: ,Prima, auf geht’s.’ Nur ganz wenige wollen den Magister wiederhaben“, berichtet Matthias Hüning, Studiendekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der FU. „Die Studierenden sind viel weiter als die Universitäten und die Öffentlichkeit.“

Die Einführungswehen würden vom Asta hochgespielt. Auch habe es schon immer Probleme im Studium gegeben. „Doch früher haben die Universitäten sie einfach auf die Studenten abgewälzt.“ Das soll sich mit dem Bachelor ändern: Hüning und vieler seiner Mitstreiter am Fachbereich Geisteswissenschaften wollen mit den neuen Studiengängen einen Mentalitätswechsel an der Universität erreichen: „Wir wollen Kundenbewusstsein entfalten. Die Studierenden stehen im Zentrum des Geschehens. Alles andere ist nachgeordnet“, sagt Matthias Dannenberg, der Verwaltungsleiter. Die Studierenden im Mittelpunkt! Für eine Massenuniversität sind das neue Töne.

Trotzdem hat nicht alles reibungslos von Anfang an geklappt. Studenten beider Unis beklagen sich über Überschneidungen von Pflichtkursen. Das ist besonders für weniger Begüterte problematisch, die tatsächlich damit rechnen, ihr Studium in sechs Semestern zu Ende bringen zu können, sagt Peter Hartig vom ReferentInnenrat der Humboldt-Uni: „Die kommen zu uns und sagen: ,Meine Eltern wollen, dass ich schnell fertig werde.’“

Heinz-Elmar Tenorth, HU-Vizepräsident für Lehre und Studium, sieht das Problem. „Aber in diesem Semester können wir nicht mehr viel machen“, sagt er. An der FU hat man das Problem der Überschneidung von Pflichtkursen schnell gelöst, indem man einzelne Lehrveranstaltungen auf einen anderen Termin verschoben hat: „Die Universität garantiert jedem Bachelor Überschneidungsfreiheit“, sagt Matthias Dannenberg, Verwaltungsleiter des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften.

Mit Hochdruck ist die FU dabei, Kurse für Allgemeine Berufsvorbereitung (ABV) auf die Beine zu stellen, etwa in Rhetorik oder EDV, die die Bachelorstudierenden belegen müssen. „Bislang ist das Angebot noch sehr rudimentär“, gibt Hüning zu. Anders an der HU: Die meisten Studienanfänger, die sofort einen solchen Kurs belegen wollten, konnten auch aufgenommen werden, sagt Doris Köhler vom Career Center: „Viele haben von Anfang an großes Interesse daran.“ Die Mittel für die Kurse kommen von der EU.

Schwierig bleiben eine Reihe von Punkten, die mit der überaus straffen Organisation der neuen Studiengänge zusammenhängen. Wer ein Semester im Ausland verbringt, findet dort nicht die Module vor, die im Berliner Studienplan gerade dran wären. Die Anerkennung kann schwierig werden, der Wiedereinstieg ins Studium in Berlin genauso. Es wird noch länger dauern, bis die Unis sich mit ihren Partnerhochschulen eng abgestimmt haben. Bislang können sich die Studierenden nur damit helfen, schon weit im voraus den Stundenplan für ihr Auslandssemester zu erstellen und in Berlin anerkennen zu lassen, sagt Peter Hartig vom Refrat.

Und was geschieht mit denen, die jobben müssen? Wer wirklich in sechs Semestern fertig werden will, muss in der Woche eine Arbeitsbelastung von 40 Stunden erbringen, wie ein normaler Angestellter. Im Jahr sind für einen Studenten vier Wochen Urlaub eingeplant. „Ein Job ist mit diesem Prinzip eigentlich nicht kompatibel“, sagt Hüning. HU-Vizepräsident Tenorth sieht das gelassener: „Im Schnitt jobben die Studierenden zehn bis fünfzehn Stunden in der Woche. Das schafft man am Wochenende.“

Trotz aller Schwierigkeiten ist Studiendekan Hüning überzeugt: „Das wird kein Dumpingstudium, sondern eine fachliche Ausbildung, die sich sehen lassen kann.“

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