Essstörung "Pregorexie" : Dünn bis zum neunten Monat

Frauen, die in der Vergangenheit magersüchtig waren, laufen bei einer Schwangerschaft Gefahr, rückfällig zu werden. „Pregorexie“ wird das genannt. Experten raten zu einer psychotherapeutischen Begleitung vor und nach der Geburt.

von
Fragliches Vorbild. Schauspielerin Angelina Jolie blieb dünn trotz Babybauch.
Fragliches Vorbild. Schauspielerin Angelina Jolie blieb dünn trotz Babybauch.Foto: dpa

Es war einer der schönsten Momente in ihrem Leben. Und gleichzeitig einer der beängstigendsten. Maria Schubert (Name geändert) kam aus der Praxis ihres Frauenarztes, sie hatte gerade erfahren, dass sie schwanger war. „Ich habe mir dieses Kind wirklich gewünscht, hatte aber Angst vor den körperlichen Veränderungen.“ Denn in diesem Augenblick, der eigentlich der Freude vorbehalten sein sollte, waren plötzlich wieder Dämonen der Vergangenheit da: Als Jugendliche war die heute 31-Jährige magersüchtig. Bei einer Körpergröße von 160 Zentimetern wog sie damals keine 40 Kilo. Als sie eines Tages zusammenbrach, begann sie endlich eine Therapie. Mehr als zehn Kilo nahm sie daraufhin zu und hielt dieses Gewicht einigermaßen konstant – bis zu jenem Tag vor zwei Jahren, als Maria Schubert erfuhr, dass sie schwanger war.

„Ich musste sofort an eine Freundin denken, die 30 Kilo zugenommen hatte und die auch nach der Geburt dick blieb.“ So weit sollte es bei ihr nicht kommen. Deshalb stellte sie sich einen strengen Ernährungsplan auf. Hungerattacken bekämpfte sie mit ein paar Walnusskernen. Mit vermeintlichem Erfolg. Auf Fotos, die Maria Schubert im achten Schwangerschaftsmonat zeigen, sieht man dünne Arme und Beine, die Wölbung unter dem T-Shirt ist eher klein.

Zwischen zehn und 15 Kilo nehmen Schwangere normalerweise im Verlauf von neun Monaten zu. „Besonders schlanke Frauen nehmen am Anfang der Schwangerschaft aber stärker zu als Frauen mit Normal- oder Übergewicht“, sagt Michael Abou-Dakn, Leiter der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof. Frauen mit Essstörungen hingegen halten ihr Gewicht. Im englischsprachigen Raum gibt es dafür einen Begriff: Pregorexia, eine Zusammensetzung aus den Wörtern „pregnant“, schwanger, und Anorexia, Magersucht. Bekannt gemacht hat den Begriff die amerikanische Familientherapeutin Maggie Baumann, die einst selbst an Pregorexie litt und darüber Jahre später – ihre zwei Töchter waren mittlerweile erwachsen – einen Internetblog schrieb.

Michael Abou-Dakn arbeitet seit 25 Jahren in der Frauenheilkunde: „Auch früher kamen gelegentlich Schwangere in meine Sprechstunde, die auffallend schlank waren und auf Nachfrage stellte sich dann oft heraus, dass Essstörungen durchaus ein Thema waren.“ Inzwischen hat er den Eindruck, dass die Zahl der Betroffenen zunimmt. „Es könnte aber auch daran liegen, dass die Sensibilität bei diesem Thema größer geworden ist.“

Statistiken zu Essstörungen während der Schwangerschaft gibt es nicht. Stetig steigt in Deutschland jedoch die Zahl der Menschen, die an Magersucht (Anorexia nervosa) oder Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leiden. Experten glauben, dass es weit mehr als die offiziell geschätzten 700 000 Essgestörten gibt. Der Wunsch, dem Ideal der Medien von Schönheit zu entsprechen, das durch Schauspielerinnen wie Angelina Jolie oder Nicole Kidman verkörpert wird, führt oft schon bei Kindern und Jugendlichen zu einem gestörten Körperverhältnis.

Hinzu kommen ein reduziertes Selbstwertgefühl und zwischenmenschliche Konflikte. „Die größte Angst von essgestörten Frauen ist, aus dem Leim zu gehen“, sagt Christian Thiele, Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk, die auf die Behandlung von Patienten mit Essstörungen spezialisiert ist. „Wenn dann eine Heidi Klum kommt und nach einer Schwangerschaft kaum anders aussieht als vorher, dünn und perfekt gestylt ist, wird das zum Maßstab.“ Betroffene würden dann auch alles daransetzen, so auszusehen. Grund dafür, sagt Thiele, sei ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst: „Die Angst, nicht zu genügen.“ Auch in der neuen Rolle als Mutter.

Frauen, die einmal unter Essstörungen gelitten haben, sind oft noch Jahre später mit den Auswirkungen konfrontiert. Zum einen werden sie nicht so leicht schwanger, weil ihr Hormonhaushalt oft so nachhaltig gestört ist, dass sie keine Regelblutung mehr haben. Um wieder fruchtbar zu werden, müssen sie Östrogene und Gelbkörperhormone einnehmen. So auch Maria Schubert. Sie wurde drei Monate nach Beginn der medikamentösen Behandlung schwanger.

Veränderungen wie eine Schwangerschaft können bei vermeintlich seit langer Zeit genesenen Frauen einen Rückfall auslösen: „Meine Erfahrung ist, dass sie, auch wenn sie das eigentliche Grundthema bearbeitet haben, noch immer sehr genau wissen, wie ihr Body-Mass-Index ist und darauf achten, was sie essen“, sagt Michael Abou-Dakn. „Das ist etwas, das sich diese Frauen so antrainiert haben, dass sie es beibehalten.“ Christian Thiele rät Frauen in diesem Fall, sich für die Zeit der Schwangerschaft eine psychotherapeutische Begleitung zu suchen.

Schwangere, die exzessiv Kalorien zählen, schaden vor allem sich selbst. „Die meisten Nährstoffe, die ein Embryo braucht, werden vom mütterlichen Blutserum so extrahiert, dass sich Ernährung und Gewicht der Mutter nach der Geburt nicht unbedingt im Kindsgewicht widerspiegelt“, sagt Michael Abou-Dakn. Die Frauen hingegen bauen Muskelmasse ab, durch Kalziummangel werden die Knochen geschädigt, das führt zu Osteoporose. Durch das gestörte Körpergefühl kommt es nach der Geburt oft zu Problemen beim Stillen. „Diese Frauen haben Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen“, sagt Michael Abou-Dakn. Das zeige sich in der Körperhaltung und in der Tatsache, dass sie die Babys auf Distanz halten. Im St.-Joseph- Krankenhaus gibt es ein spezielles Angebot für Frauen mit psychischen Problemen nach der Geburt.

Maria Schubert hat sich nicht psychologisch unterstützen lassen. Nach der Geburt fühlte sie sich kraftlos. „Stillen konnte ich nicht.“ Ihr Sohn ist jetzt fast ein Jahr alt und sie wirkt, als gehe es ihr besser: „Ich habe gar keine Zeit mehr, auf mein Gewicht zu achten – weil mir das Kind ganz schön viel Energie abverlangt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben