Gesundheit : Ethik des Heilens

Anhörung im Bundestag: Das deutsche Stammzellgesetz ist aus Sicht der Forscher überholungsbedürftig

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Das Stammzellgesetz, das im April 2002 vom deutschen Bundestag verabschiedet wurde, gilt als klassischer politischer Kompromiss. „Manche haben es sogar als biopolitischen Friedensschluss gewertet“, sagte die SPD-Abgeordnete Ulla Burchardt, Vorsitzende des Forschungsausschusses, am gestrigen Mittwoch. Der Ausschuss hatte zu einer öffentlichen Anhörung geladen, weil das Stammzellgesetz inzwischen teilweise als überarbeitungsbedürftig gilt. 24 Experten waren gekommen, um Fragen zur Situation der Stammzellforschung sowie zu ethischen und juristischen Aspekten zu beantworten. Anlass war ein Gesetzesentwurf der FDP-Fraktion, mit dem die Liberalen das Gesetz in zwei wesentlichen Punkten ändern wollen.

„Schon 2002, bei der Verabschiedung des Gesetzes, wurde festgelegt, dass nach etwa fünf Jahren Bilanz gezogen werden sollte“, sagte Hinrich Hacker, Vorsitzender der Senatskommission für Grundsatzfragen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Fünf Jahre können in der Wissenschaft eine lange Zeit sein. So wurden bei Gewinnung und Vermehrung von embryonalen Stammzellen große Fortschritte gemacht.

„Die älteren humanen embryonalen Stammzellen wurden nicht unter standardisierten Bedingungen gewonnen und sind deshalb nicht untereinander vergleichbar“, erklärte Hacker. Erst im Jahr 2006 seien „saubere“ Zelllinien gewonnen worden, die ohne tierische Beigaben auskommen. Die vor dem Stichtag, dem 1. 1. 2002, gewonnenen menschlichen embryonalen Stammzellen seien noch mit Methoden behandelt worden, die die Wahrscheinlichkeit für genetische Veränderungen erhöhen, sagte Oliver Brüstle vom Institut für Rekonstruktive Neurobiologie der Uni Bonn.

Die DFG setzt sich in einer Stellungnahme vom Oktober 2006 – wie die FDP in ihrem Gesetzesantrag – dafür ein, dass die Stichtagsregelung aufgehoben wird. Diese Regel legt fest, dass in Deutschland nur mit Zelllinien geforscht werden darf, die vor dem Stichtag gewonnen wurden.

Damit sollte verhindert werden, dass für die Forschung eigens Embryonen erzeugt und zerstört werden. „Die DFG teilt nicht die Befürchtung, dass dazu ohne Stichtagsregelung ein Anreiz bestünde“, erklärte nun Hacker. Stammzellforscher Hans Schöler, Max-Planck-Institut für Molekulare Biologie in Münster, ergänzte, es gebe tatsächlich genügend „überzählige“ Embryonen, die nach In-vitro-Befruchtungen ohnehin nicht eingepflanzt würden. Nur mit solchen Embryonen soll auch nach Ansicht der DFG geforscht werden dürfen.

Zudem sind die Forscher zuversichtlich, dass die Zahl der benötigten Embryonen nicht automatisch weiter wachsen werde. „In den nächsten fünf bis 20 Jahren wird ein Pool von embryonalen Stammzelllinien geschaffen sein, auf die wir zurückgreifen können“, sagt Heinrich Sauer, Physiologe aus Gießen.

Den moralischen Bedenken gegenüber einer Forschung, die Embryonen „verbraucht“, steht die „Ethik des Heilens“ gegenüber. So wurde bei der Anhörung immer wieder nach Erfolgen bei Stammzelltherapien gefragt. Hier warnte der Neurologe Jürgen Winkler, Uni Regensburg, vor leichtfertigen Versprechen. Noch gebe es keine Studien, in denen embryonale Stammzellen an Patienten eingesetzt wurden. Lukas Kenner vom Ludwig Boltzmann Institut für Krebsforschung in Wien wies auf die Gefahr hin, dass sich aus diesen Multitalenten auch Krebszellen entwickeln können.

Therapien zu entwickeln, in denen Stammzellen direkt als Ersatz für nicht mehr funktionstüchtige körpereigene Zellen eingeschleust werden, ist aber keineswegs das einzige Ziel der Forschung. „Die Idee ist nicht, Ersatz zu liefern, sondern zu verstehen, wie es zum Abbau kommt“, sagte der Dresdner Experte Gerd Kempermann. Damit könne auch ein Beitrag zur Alternsforschung geleistet werden. Stammzellen sind schließlich ein Grundprinzip des Lebens, sie begleiten den Menschen vom Embryonalstadium bis zum Tod. Schon deshalb hielten alle befragten Experten die Trennung zwischen der Forschung mit körpereigenen „adulten“ Zellen und den ethisch umstrittenen embryonalen Stammzellen für künstlich. Der allgemeine Tenor war, dass beide Ansätze gebraucht werden. „Die Erkenntnisse, die wir an embryonalen Stammzellen gewinnen, brauchen wir unbedingt für die Forschung an adulten Zellen“, sagte Hacker.

Das gilt auch für die internationale Forschung. Schließlich wurden 2006, im 7. Rahmenprogramm der EU, 50 Millionen Euro für die Forschung mit embryonalen Stammzellen bereitgestellt. Die Stammzellexperten stören sich nun an der juristischen Grauzone, in der deutsche Forscher derzeit agieren, wenn sie in internationalen Arbeitsgruppen mitwirken, die mit Zelllinien neueren Datums arbeiten. Einige berichteten über junge Mitarbeiter, die sich internationalen Anfragen deshalb verweigerten. Die DFG möchte jedenfalls erreichen, dass deutsche Forscher ohne Angst vor Strafe in solchen Kooperationen mitarbeiten können.

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