Gesundheit : Ethisch entgrenzt

In der NS-Zeit nutzten viele renommierte Wissenschaftler die Chance zum schrankenlosen Forschen an Kranken und KZ-Häftlingen

Rosemarie Stein

„Da gab es wunderbares Material unter diesen Gehirnen, wunderbare Schwachsinnige, Missbildungen und frühinfantile Krankheiten. Ich nahm diese Gehirne selbstverständlich an. Wo sie herkamen und wie sie zu mir kamen, ging mich wirklich nichts an.“ Das sagte Julius Hallervorden, Histopathologe des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, im Juni 1945 zu dem amerikanischen Neuropsychiater Leo Alexander, dem medizinischen Sachverständigen im Nürnberger Ärzteprozess. Seit dieser Zeit sind die Verstrickungen von Kaiser-Wilhelm-Instituten in die kriminellen Menschenversuche und die Krankenmorde während der NS-Zeit bekannt. Dieses Wissen wurde rasch wieder verdrängt; die schnell „entnazifizierten“ Forscher waren bald wieder in Amt und Würden.

Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis die Max-Planck-Gesellschaft, als Spitzenforschungs-Organisation Erbin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, sich dieser unbewältigten Vergangenheit samt ihrer langjährigen Verdrängung stellte. Das geschah aber so umfassend, differenziert und schonungslos wie bisher in keiner anderen Wissenschaftsinstitution. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die viele der verbrecherischen Experimente finanzierte, folgt erst jetzt mit einem ähnlichen Programm.

Auf einer Tagung der Max-Planck-Gesellschaft zum offiziellen Abschluss des sechsjährigen Forschungsprogramms ging es um die Motive der Forscher, ihre Ziele, die erschreckenden Ergebnisse und die Konsequenzen für die Zukunft der Wissenschaft. „Zukunft braucht Herkunft“, sagte Hubert Markl, Ex-Präsident der Gesellschaft. „Wir können nur aus der Vergangenheit, aus der Erfahrung lernen.“ Es war Markl, der 1997 eine unabhängige „Präsidentenkommission“ zur „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“ ins Leben rief. Deren Vorsitz hatten zwei Historiker, die der Max-Planck-Gesellschaft nicht angehörten: Reinhard Rürup (TU Berlin) und Wolfgang Schieder (Universität Köln).

Die Forscher sollten ohne institutionelle Befangenheit an das düstere Thema herangehen und es so rückhaltlos wie möglich aufhellen. Die Wissenschaftler des Projektteams erarbeiteten so viele neue Erkenntnisse, dass daraus eine umfangreiche Buchreihe entstand. Elf Bände sind erschienen, sieben in Vorbereitung.

Josef Mengele ging wegen der unbeschränkten Forschungsmöglichkeiten an menschlichen Versuchskaninchen als „Lagerarzt“ nach Auschwitz. Von dort aus belieferte er seinen Doktorvater Otmar Freiherr von Verschuer, Direktor des Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, mit Präparaten für dessen Zwillingsforschung. Manche der Kinder ließ Mengele lebend auf den Sektionstisch legen und tötete sie dort eigenhändig.

Hubert Markl warnte davor, Hitler oder Mengele dämonisierend zu Un-Menschen zu erklären und sich damit von den schrecklichen Verbrechen vor allem der Biomedizin im Nationalsozialismus als „einmalige Taten einmaliger Bösewichte“ zu distanzieren. Es gelte zu begreifen, wozu Menschen – auch Wissenschaftler, auch Ärzte – „an Grausamkeit und Niedertracht fähig sind und fähig bleiben, auch heute und überall, wo Menschen sich unbeschränkt Macht über Mitmenschen anmaßen können“.

Damals hätten Spitzenforscher und Forschungsorganisationen sich nicht etwa widerwillig in Dienst nehmen lassen, sondern sich dem System geradezu aufgedrängt, sagte Markl. Denn es gewährte ihnen nicht nur reichliche Mittel, sondern auch ideale Chancen zum schrankenlosen Forschen. Zigtausende ermordeter Kranker und KZ-Häftlinge wurden von renommierten Wissenschaftlern der Kaiser-Wilhelm-Institute als „Forschungsmaterial“ missbraucht. Dies alles geschah innerhalb der „normal science“, betonte Wolfgang Edelstein, Emeritus des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, in einer Podiumsdiskussion über die Verantwortung des Wissenschaftlers. Nur war diese normale Wissenschaft ethisch entgrenzt. Niemand widersprach seiner, wie er sie nannte, hochaktuellen Feststellung: Aus der Wissenschaft selbst werden keine ethischen Grenzen abgeleitet, sie müssen ihr von der Gesellschaft gesetzt werden. Auch Markl konstatierte: „Es sind die rechtssichernden Institutionen – Demokratie und Rechtsstaat –, die Menschen vor Entmenschung schützen, sonst nichts.“

Die Deregulierung, die unendliche Erweiterung der juristischen und ethischen Spielräume im NS-Staat, waren „der Traum vieler Wissenschaftler“, sagte der Heidelberger Psychiater und Wissenschaftshistoriker Volker Roelcke und fragte: Wie kann Wissenschaft kritisch und doch konstruktiv begleitet werden? Dazu hätte sie Rechenschaft über Ziele, Wege und Ressourcen abzulegen, also Öffentlichkeit herzustellen. Roelcke betonte hier die Rolle der Medien und nannte die Medienschelte vieler Forscher „völlig unangebracht“.

Als einzigen Misserfolg des Projekts nannte dessen Leiterin, die Berliner Historikerin Susanne Heim, die bisher nur mäßige Resonanz in den Max-Planck-Instituten. Die Frage des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft müsse man weiter verfolgen und überlegen, wie man Wissenschaftler in die Lage versetzt, die ethischen Probleme ihres Fachs überhaupt wahrzunehmen und Schranken anzuerkennen.

Reinhard Rürup, der die historische Bearbeitung weiterer Institute ankündigte, hält eine ethische Schulung, eine Art „Menschenrechts-Erziehung“ aller Wissenschaftler für dringend nötig. Die Tagung der Max-Planck-Gesellschaft fand im Dahlemer Harnackhaus statt. Schon dessen Namensgeber, der Theologe Adolf von Harnack, der 1911 erster Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde, hatte unter deren Dach ein „Institut für ethische Grundlagen“ gefordert. Vielleicht sind die verstörenden Ergebnisse dieses Forschungsprogramms Grund genug, es endlich einzurichten.

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