Gesundheit : Etliche Brustamputationen wären möglicherweise vermeidbar - Unterschiede bei Versorgung

Rosemarie Stein

Das Schicksal eines Krebskranken hängt entscheidend davon ab, ob er an die richtige Klinik gerät, wo kompetente Ärzte verschiedener Fächer gemeinsam das beste Behandlungskonzept für ihn erarbeiten. Dies ist die praktische Konsequenz aus der Feststellung, "dass die optimale Anwendung unseres aktuellen Wissens innerhalb eines multimodalen Konzeptes den Krebspatienten auch in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren mehr Heilung oder Linderung ermöglichen wird als alle derzeitigen experimentellen Therapieansätze zusammen".

Das schrieb der Hamburger Onkologe Dieter Kurt Hossfeld im "Deutschen Ärzteblatt" pünktlich zum Jubiläumskongress der hundert Jahre alt gewordenen Deutschen Krebsgesellschaft. Die verlieh ihm beim Krebskongresses in Berlin eine hohe Auszeichnung, die K. H. Bauer-Medaille. Kongresspräsident Lothar Weißbach stellte sich öffentlich hinter Hossfelds Urteil, das sicherlich auch auf andere medizinische Gebiete zutrifft.

Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, müssen die Versorgungsforschung und -verbesserung genauso vorangetrieben werden wie potentielle neue Therapieansätze. Aber in Deutschland sind Studien noch selten, die sich mit der Versorgungsrealität befassen, sie am gesicherten Stand der Medizin messen sowie das Vorgehen und die Behandlungsergebnisse verschiedener Ärzte und Kliniken vergleichen.

Aufsehen erregte letztes Jahr eine Analyse der Erfolge von Darmkrebsoperationen in sieben Kliniken. Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe ermittelte bei vergleichbaren Patienten Unterschiede in der Fünfjahres-Überlebenswahrscheinlichkeit zwischen 56 und 82 Prozent beim Dickdarmkrebs und zwischen 58 und 75 Prozent beim Enddarmkrebs. Jetzt fand eine Sitzung des Krebskongresses großes Interesse, bei der es um die Versorgungsrealität für Brustkrebspatienten in Deutschland ging.

Vorgestellt wurden die noch unveröffentlichten Ergebnisse eines mehrteiligen Forschungsprojektes. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium wurde in verschiedenen Regionen die Versorgung von Krebspatienten untersucht. Eine der hierzu ausgewählten Krankheiten war das Mamma-Karzinom, die häufigste Krebsart bei Frauen. Hierfür lag die Federführung beim Tumorzentrum München.

Insgesamt wurden fast zehn Prozent der Brustkrebspatienten in Deutschland erfasst. Für die Münchner Region fast alle, denn sämtliche Krankenhäuser beteiligten sich daran und legten ihre Behandlungsdaten offen, die allerdings oft unvollständig dokumentiert waren. Auch diese Feldstudie ergab, dass die Qualität der Patientenversorgung in allen untersuchten Regionen von Klinik zu Klinik höchst unterschiedlich ist, sagte der für die Studie verantwortliche Münchner Epidemiologe Dieter Hölzel. Seine Mitarbeiterin, die Gynäkologin Jutta Engel, nannte dafür Beispiele

Besonders alarmierend ist die große Schwankungsbreite beim Verhältnis von Brustamputationen (Mastektomien) und brusterhaltenden Eingriffen. Letztere sind nach der anerkannten Leitlinie im ersten Tumorstadium ausreichend, wenn sich Bestrahlungen anschließen. Solchen Frauen wurde in einer der untersuchten Kliniken ohne ersichtlichen Grund zehnmal häufiger die Brust amputiert als in anderen Krankenhäusern.

Im Unterschied zu den Ergebnissen ähnlicher Erhebungen hängt die Behandlungsqualität hier nicht von der Größe der Klinik oder Abteilung ab. Auch sind Brustkrebspatienten nicht unbedingt in einer Großstadt- oder sogar Universitätsklinik am besten versorgt. Der Hauptfaktor für Qualität scheint vielmehr die Kompetenz, das Engagement, die Gewissenhaftigkeit und Akribie der einzelnen Ärzte zu sein, meinte Jutta Engel im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Kein fachlicher Austausch

Und vor allem die Teamfähigkeit der Ärzte, ergänzte Hölzel. Diskutieren sie das bestmögliche Vorgehen in einem individuellen Fall? Werden Unklarheiten und Zweifel sofort miteinander besprochen? Das unterbleibt häufig. Auch die Aufzeichnungen sind lückenhaft. Manchmal ließ sich nicht einmal ermitteln, wer eine Arzneimitteltherapie angeordnet hatte. Die Arztbriefe erwiesen sich ebenfalls oft als unvollständig.

Besonders schwierig war es, die Qualität der ambulanten Nachversorgung von Brustkrebspatienten zu ermitteln. Die Hausärzte verweigerten meist die Mitarbeit, die Kassenärztlichen Vereinigungen gaben keine Behandlungsdaten heraus und die der Krankenkassen sind nicht verwertbar, sagte Jutta Engel.

Wertvolle Informationen erhielten die Versorgungsforscher aber von den Patientinnen selbst, vor allem über ihre so genannte "Lebensqualität". Ein Viertel der Frauen hatte zum Beispiel noch zwei Jahre nach der Brustkrebsoperation Armbeschwerden. "Das wissen aber die Ärzte nicht, und sie fragen auch nicht danach. In der Klinik hat der Operateur der Frau vielleicht gesagt, dass sie in drei Wochen wieder Tennis spielen kann."

Die Patientinnen wurden alle drei Monate systematisch nach körperlichen Beschwerden, emotionalen Störungen und Funktionsbeeinträchtigungen befragt. Die vorläufigen Ergebnisse, über die Marita Stier-Jarmer aus München berichtete, sind trotz der teilweise zurückgebliebenen Schmerzen erfreulich. Insgesamt ging es den Frauen im Verlauf von zwei Jahren nach der Brustkrebsoperation - gleich welcher Art - in jeder Hinsicht zunehmend besser.

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