Gesundheit : Europa, einig Forscherland

Grenzenlos aufgeklärt: Bei der Münchner Esof-Tagung setzen die Wissenschaftler auf eine gemeinsame Zukunft

Hartmut Wewetzer

Wie klärt man einen Kontinent auf? Diese Frage hat sich der Sachbuchautor Stefan Klein („Die Glücksformel“, „Alles Zufall“) gestellt. Die Antwort fand er bei Denis Diderot (1713 – 1784), dem französischen Schriftsteller und Schöpfer der „Enzyklopädie“. Für sein Vorhaben scharte Diderot Geister aus ganz Europa um sich. „Für ihn war wissenschaftliches Denken – stelle eine Hypothese auf und überprüfe sie – die Grundlage. Er überwand die Grenzen literarischer Genres, erzählte Geschichten und schuf sich ein Netzwerk von Autoren.“

Klein hat sich von Diderot inspirieren lassen und gemeinsam mit anderen europäischen Wissenschaftsschriftstellern einen Club gegründet, die „Story Tellers of Science“. Gemeinsam will man den Dialog zwischen Wissenschaft und Kultur fördern. „Die Diskussionen in der Wissenschaft sind international, die Diskussion über Wissenschaft dagegen nur national“, sagt Klein. „Das wollen wir ändern.“

Ihren ersten Auftritt hatten die „Story Tellers“ in München. In einem völlig überfüllten Saal im Deutschen Museum stellten sie ihre Arbeit bei der zweiten Esof-Konferenz vor. Esof steht für Euroscience Open Forum. Noch bis morgen diskutieren bei dieser größten europäischen Wissenschaftskonferenz Forscher, Wissenschaftsorganisationen, Journalisten und interessierte Öffentlichkeit. Bisher wurden rund 1500 Teilnehmer aus 49 Nationen gezählt, 400 von ihnen sind Journalisten.

Vorbild der Esof ist die jährliche Tagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) in den USA, in deren Mittelpunkt ebenfalls die Vermittlung von Wissenschaft an eine interessierte Öffentlichkeit steht. Europa will sich nun auf eigene Beine stellen, der Wissenschafts-Weltmacht USA ein wenig Paroli bieten, in aller Sportlichkeit natürlich.

Das gelingt immer besser. Waren beim ersten europäischen Wissenschaftsforum in Stockholm 2004 noch die Nordeuropäer vorrangig, so hat sich das Bild in München geändert. Ein internationales Publikum strömte in die Veranstaltungen, darunter viele Südeuropäer, Asiaten und sogar Amerikaner. Um zum Beispiel dem deutschen Physik-Nobelpreisträger Theodor Hänsch zu lauschen, der in der Flugzeughalle des Deutschen Museums, umringt von Raketen, Raumkapseln und Düsenflugzeugen, über das Thema „Eine Passion für Präzision“ sprach.

Hänsch’ Nobelpreis passt in einen handlichen Kasten. Denn die von ihm entwickelte Methode zur ultragenauen Messung der Wellenlängen von Laserlicht ist inzwischen mit einem Gerät möglich, das eine von ihm gegründete Firma baut und verkauft. Die Umsetzung von Grundlagenforschung in ein erfolgreiches Produkt hat also geklappt.

Genau diese Vermarktung aber ist die angebliche Schwäche Europas, heißt es immer wieder. Wissenschaftliche Ergebnisse würden zu selten kommerziell verwertet – und wenn, dann andernorts. „Diese Behauptung stimmt so pauschal nicht“, widerspricht Stefan Kuhlmann vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. „In der Informations- und Kommunikationstechnik gibt es zum Beispiel einen intensiven Austausch zwischen Forschung und Industrie. Die USA sind uns eher dann voraus, wenn es darum geht, besonders fortgeschrittene Zweige von Wissenschaft und Technik zusammenzuführen, etwa Materialforschung, Nanotechnik und Biologie.“

Einen weiteren Nachteil Europas sieht Kuhlmann in den nationalen Hürden bei der Forschungsförderung. „Europa kann deshalb zu wenig wissenschaftliche Schwerpunkte bilden und muss immer nationale Rücksichten nehmen. Während der Wettbewerb um die Mittel in den USA frei ist, ist er in Europa 25-fach geteilt.“

Kuhlmann fordert deshalb, auch die nationalen Fördersysteme für die internationale Forschung stärker zu öffnen. Wie viele andere Wissenschaftler setzt er nun auf den Europäischen Forschungsrat ERC, der 2007 seine Arbeit aufnehmen soll. Vorbild für den Forschungsrat ist die Arbeit erfolgreicher nationaler Förderagenturen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Mit einem jährlichen Etat von durchschnittlich einer Milliarde Euro will der Rat Grundlagenforschung fördern. Einziger Maßstab: Qualität. Klingt selbstverständlich, ist es aber bislang in der EU nicht.

Und so musste auch der Forschungsrat einen Kompromiss schließen, um nicht völlig in den Konsensmühlen der Eurokratie zerrieben zu werden. Denn die Europäische Kommission hat sich ein Mitspracherecht gesichert, was die Freiheit des Rates einschränken könnte. „Bürokratie hoch drei“ befürchtet Wilhelm Krull, Chef der Volkswagen-Stiftung und einer der Betreiber des ERC. Trotzdem überwiegt der Optimismus. „Eine einzigartige Möglichkeit“ sei der Forschungsrat, ein „radikales Umdenken“ beginne, sagte ERC-Vizepräsidentin Helga Nowotny.

„Was für ein Sommer für Deutschland!“, schwärmte Bundespräsident Horst Köhler bei der feierlichen Eröffnung der Esof-Tagung und des Wissenschaftssommers im Hotel Bayrischer Hof. Und erinnerte an die europäischen Wurzeln der Wissenschaft, an Bacon, Newton, Galilei, Huygens und Kant.

„Damals entstand die Grundlage für eine unsichtbare Gemeinschaft“, sagte Köhler. Die europäische Politik könne von der Wissenschaft lernen. Aber Köhler mahnte die Forscher auch zur „Selbstbeschränkung“, was die Kirchenvertreter im Publikum kopfnickend quittierten.

Der Freigeist Diderot musste vor 250 Jahren noch die Verfolgung durch Kirche und Staat fürchten. Heute dagegen gehört es zum Inventar von Politikerreden, an die Bedeutung der Wissenschaft für den Wohlstand zu erinnern und mehr Investition in die Köpfe zu fordern. Die öffentliche Anerkennung, die ihr gebührt, hat die Forschung dennoch nicht gefunden. In München präsentierte sie sich in einem Zelt am Marienplatz, tapfer der Bruthitze des bayrischen Sommers widerstehend. Aber die Wissenschaftler hatten es schwer, gegen die Rolling Stones als Stadtgespräch anzukommen, die am Wochenende in München gastierten.

Also noch viel Arbeit für den Wissenschaftsautor Stefan Klein und die „Story Tellers of Science“. Die zweitägige Klausur der 14 Autoren vor der Esof-Tagung hat für Klein jedoch alle Erwartungen übertroffen. „Es gibt eine Fülle von Ideen, von einer gemeinsamen Webseite bis zu europäischen Bucheditionen.“ Spätestens bei der nächsten Esof-Tagung 2008 in Barcelona wird man wieder von den europäischen Autoren hören. „Der Boden ist bereitet“, sagte Klein.

Mehr im Internet unter:

www.esof2006.org

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