Gesundheit : Europas Erdreich ist verwüstet, versauert und wurde vergiftet

Heiko Schwarzburger

Die Europäer verlieren den Boden unter ihren Füßen. Nach einem Bericht der Europäischen Umweltagentur gibt es auf dem Kontinent über 300 000 Standorte, deren Böden beispielsweise durch Cadmium oder polychlorierte Biphenyle (PCB) verseucht sind. Über 115 Millionen Hektar leiden unter Wassererosion und 42 Millionen Hektar unter Winderosion. Im Mittelmeerraum und Osteuropa sind vier Millionen Hektar von Versalzung und Verwüstung bedroht. In Osteuropa lauern zudem unzählige vergiftete Industrieflächen und aufgegebene Militärbasen, die bislang nicht erfasst wurden.

"Es wird oft vergessen, dass der Boden unsere Lebensgrundlage ist", sagte Simone Probst, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, jüngst auf einem Treffen von Bodenschutzexperten aus den EU-Staaten, der Schweiz und den Beitrittsländern in Berlin. "Er muss genauso geschützt werden wie die Luft und das Wasser." Rund 100 Teilnehmer waren zum ersten europäischen Bodenforum gekommen, um sich einen Überblick über die Probleme und Lösungsansätze zu verschaffen.

Der Bodenschutz ist das Stiefkind des europäischen Umweltschutzes. Nur Italien, die Niederlande und Deutschland haben ein eigenes Bodenschutzgesetz. In Estland, Tschechien und Litauen befinden sich Gesetze in Vorbereitung. In England gibt es ein paar unverbindliche Empfehlungen für den Bodenschutz in der Landwirtschaft, ansonsten wird das Thema mehr oder weniger marginal im Umweltrahmengesetz abgehandelt. Die Franzosen messen dem Bodenschutz noch geringere Bedeutung zu. Eine spezielle Richtlinie der EU existiert nicht und ist auch nicht geplant. "Wir müssen erst einmal die Erfahrungen mit unserem eigenen Gesetz abwarten, dann können wir über europäische Regelungen verhandeln", sagte Simone Probst.

Täglich 120 Hektar versiegelt

In Deutschland ist der Bodenschutz seit Jahresfrist neu geregelt. Noch unter der alten Regierung war erstmals ein bundesweites Bodenschutzgesetz auf den Weg gebracht worden, das die Schadstoffe im Boden mit Grenzwerten belegt und die Sanierung vergifteter Flächen regelt. Das neue Bundeskabinett verabschiedete Mitte Juni dieses Jahres die zugehörige Bodenschutz- und Altlastenverordnung. "Damit gelten bundesweit einheitliche Anforderungen an die Gefahrenabwehr", erklärte Bundesumweltminister Jürgen Trittin. "In der Bundesrepublik werden täglich 120 Hektar für Verkehr und Siedlungen versiegelt. Das entspricht rund 100 Fußballfeldern. Ich erwarte, dass diese Inanspruchnahme zurückgeht. Auch dem Trend zum Bauen auf der grünen Wiese muss Einhalt geboten werden."

Je mehr Bodenfläche versiegelt ist, um so weniger können Niederschläge ins Erdreich ablaufen. Die TV-Bilder der Hochwasser an Rhein und Oder sprechen Bände. Aber auch in Städten wie Berlin fehlen Flächen, um die heftigen Niederschläge versickern zu lassen. "Damit steigen die Kosten für Kanalbauten und anderweitige Abflüsse", meinte Theo Hoffjann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltige Entwicklung und Dozent für Umweltplanung an der Technischen Fachhochschule. "Versiegelte Böden können auch nicht mehr als Filter für das Grundwasser dienen." Gute Böden und hohe Wasserqualität gehören eben zusammen.

"Am Niederrhein mussten viele Brunnen stillgelegt werden, weil die Stickoxide aus der Luft durch die Kanalisation ins Grundwasser gewaschen wurden", nannte er ein Beispiel. Aus Stickoxiden bildet sich vor allem die Salpetersäure, und die reagiert mit Metallen im Boden zu Nitraten. Zwar werden Nitrate von Pflanzen gern (als Düngemittel) aufgenommen, aber nur dann, wenn dafür Zeit bleibt. Dies ist in manchen Gegenden Deutschlands nicht mehr der Fall: "Die Nitratbelastung im Grundwasser stieg weit über das zumutbare Maß hinaus." Das Problem: Aus Nitraten können sich im Organismus Nitrite und daraus krebserregende Nitrosamine bilden. Der Nitratgehalt im Trinkwasser ist daher eng begrenzt.

Trotz aller Vorgaben zum Bodenschutz ist die Berliner Innenstadt fast vollständig versiegelt, sogar die Hinterhöfe und die Parkflächen um Einkaufszentren. Auch das neue Regierungsviertel wird eine einzige Betonwüste. "Noch ist das Raster für den Bodenschutz zu groß", kritisierte Hoffjann. "Selbst größere Grundstücke fallen immer wieder durch das Netz der gesetzlichen Vorgaben."

Neben der Versiegelung bilden die Schadstoffe im Boden das größte Problem. In der neuen Verordnung des Bundes sind Grenzwerte für Dioxine, Cadmium, Schwermetalle und PCB festgelegt. Zu den Dioxinen gehören über 200 verschiedene chlorierte Kohlenwasserstoffe, von denen einige zu den gefährlichsten Umweltschadstoffen zählen. Das als Sevesogift bekannte Dioxin 2,3,7,8-TCDD (Tetrachlordibenzodioxin) ist nicht nur hoch toxisch, sondern erregt auch Krebs und schädigt die Nerven sowie die Leber. Als Entlaubungsmittel "Agent Orange" hatte sich Dioxin im Vietnam-Krieg einen unrühmlichen Namen erworben. Experten haben errechnet, dass die vergifteten Böden in Südostasien mehr als 100 Jahre benötigen, um sich wieder zu erholen.

Verbrennung problematisch

Dioxine können durch unerwünschte Nebenreaktionen bei der Herstellung bestimmter chlorhaltiger Chemieprodukte wie Desinfektionsmittel und Pflanzenschutzmittel oder auch bei der Verbrennung von organischen Substanzen im Beisein von Chlor entstehen - ganz besonders bei der Verbrennung von PCB.

Die polychlorierten Biphenyle (PCB) wurden früher in Klebstoffen, Farben und Dichtungsmassen eingesetzt, die größtenteils im Hausmüll landeten (etwa 24 000 Tonnen pro Jahr in Deutschland). Da diese Stoffgruppe nur schwer entflammbar ist, wurde sie von den 30er Jahren an gern in der Elektroindustrie angewandt, zum Beispiel als Kühl- und Isolierflüssigkeit in Transformatoren. Doch selbst Kondensatoren wurden damit gewickelt, PCB-getränktes Papier diente als Dielektrikum. Und im Bergbau, wo Brände verheerende Folgen haben könnten, wurden PCB als Hydraulikflüssigkeit genutzt. PCB werden in der Bundesrepublik nicht mehr produziert und verarbeitet, da inzwischen Silikonöle oder Phthalsäureester als Ersatzstoffe dienen. Flüssige PCB-Abfälle werden in Sondermüll-Verbrennungsanlagen vernichtet, feste Schadstoffreste werden in Untertage-Deponien gelagert.

Ein gravierendes Problem ist überdies die Bodenversauerung, insbesondere durch Schwefeloxide aus der Luft. Zwar ist es gelungen, diese Luftbelastung aus Industrie, Kraftwerken, Verkehr und anderen Quellen in den letzten Jahren erheblich zu reduzieren, doch damit allein sind die ursprünglich emittierten Stoffe ja nicht aus der Welt, nur der Nachschub wurde gedrosselt.

Weltweit sind rund 20 Millionen Quadratkilometer Böden von Menschenhand in schwere Mitleidenschaft gezogen, so dass sich ihre Qualität rapide verschlechtert. Das entspricht der 50fachen Fläche der Bundesrepublik. Elf Prozent der geschädigten Böden sollen in Europa liegen. Die in Berlin versammelten Bodenschutzexperten wollen nun in Arbeitsgruppen über technische Lösungen des Bodenschutzes und Sofortmaßnahmen für die Landwirtschaft beraten. In zwei Jahren soll ein weiteres Bodenschutzforum in Italien zeigen, ob eine gemeinsame Richtlinie aller EU-Staaten dem gravierenden Bodenverlust Einhalt gebieten könnte.

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