Gesundheit : Europas Fichten sind noch gesund, aber in den USA bedrohen Pilze große Plantagen

Gideon Heimann

Wie soll der ideale Weihnachtsbaum aussehen? Natürlich darf es kein dünnastiger Strunk sein, der noch dazu nach ein paar Tagen die Nadeln fallen lässt. Gesund, kräftig, mit dichtem Astwerk ausgestattet, so wünscht sich wohl jeder den Weihnachts-schmuck in der Wohnung, der zu den Feier-tagen als festlicher Rahmen der Geschenke dient. Für Phytopathologen, das sind Botaniker, die sich mit der Gesundheit und den Krankheiten der Flora befassen, ist die Beschäftigung mit dem idealen "Tannenbaum" kein Weihnachtsgeschäft, sondern eine, die das ganze Jahr über andauert. Dies jedenfalls berichtet uns die Amerikanische Phytopathologische Gesellschaft.

Die US-Amerikaner kaufen jährlich immerhin 33 Millionen frisch geschlagener Weihnachtsbäume, zwei Drittel davon stammen aus North Carolina und der nordwestlichen Pazifik-Region. Fast alle, gut 95 Prozent, werden in Kulturen angebaut. Am beliebtesten sind Fichten wie zum Beispiel die Douglasie. Ausreichend Wasser vorausgesetzt, sollen sie sich in der Wohnung mindestens sechs Wochen lang frisch halten und in dieser Zeit auch wenig Nadeln verlieren.

Allerdings werden gerade diese als Weihnachtsschmuck begehrten Pflanzen von einer Krankheit bedroht, die bis zu 75 Prozent der Ernte befallen kann: die Phytophtora, eine von Pilzen verursachte Wurzelfäule. Es gibt viele unterschiedliche dieser Schadorganismen, die etliche Pflanzen befallen, bis hin zu Kartoffeln. Und wenn ein Grundstück erst einmal davon betroffen ist, gibt es auch künftig keine Möglichkeit mehr, die sehr empfindlich reagierenden Bäume dort zu ziehen.

Andere Krankheiten wiederum befallen die Nadeln. Sie führen zu einer Entfärbung und zum Absterben des Immergrüns. Der Botrytis-Pilz mag es ebenfalls, wenn die Feuchtigkeit zu groß ist. Er zeigt sich als schimmeliger Belag auf den Nadeln. Die Anfälligkeit einer ganzen Kultur hängt aber auch von der Pflanzdichte und der Auswahl des Bodens ab. Gefährlich sind Böden, die Nässe stauen, Feuchte also zu lange im Bereich der Wurzeln halten. Und so blicken die amerikanischen Pflanzenärzte auch auf ganz andere, vielleicht nicht so empfindliche Arten, auf die Nordmann-Tanne zum Beispiel.

Diese Art stellt in Deutschland den vorherrschenden "Typus" des Weihnachtsbaums. Hier werden rund 20 Millionen Bäume (zum Durchschnittspreis von 35 Mark) verkauft. Wobei die Ortsangabe nicht ganz korrekt ist, denn die Bäume, die in deutschen Zimmern stehen, stammen überwiegend aus Norwegen, Dänemark, Holland und Polen. Und in diesen europäischen Ländern gibt es nach Auskunft von Gysbert Krüger beim Berliner Pflanzenschutzamt gar keine so schwer wiegenden Probleme mit Krankheitserregern, sondern eher mit Nährstoffmangel und Trockenheit, wenn der Anbau in großen Mengen stattfindet.

In Deutschland ist die "Weihnachtsbaum-Ernte" vorwiegend ein Nebengeschäft von Bauern und Baumschulen, aber auch hier wird meist intensiv gepflanzt und geerntet. Anders ist das bei den Förstern. Hier entsteht der Festschmuck gleichsam als Abfall des routinemäßigen Durchforstens. Schonungen müssen in festgelegten Zeitabständen gelichtet werden, wenn die Bäume eine bestimmte Größe erreicht haben. Denn anfangs werden wesentlich mehr Setzlinge gesteckt, als der Boden später verkraften kann - man weiß ja nie, welche Pflanze gedeihen wird. Später lässt man die gesündesten Bäume stehen und holt jene heraus, die zu viel sind. Wer sich seinen Zimmerschmuck also in Absprache mit dem Förster beschafft, handelt sogar ökologiebewusst.

Eine besondere Furcht hegen die Fachleute übrigens vor dem "Pflanzentourismus" über die Kontinente hinweg. Denn ebenso stark, wie sich für Menschen gefährliche Krankheitserreger durch die weltweiten Reisemöglichkeiten verbreiten, ist die Gefahr, dass Pflanzenkrankheiten Grenzen und Ozeane überwinden. So gibt es für alle Nadelhölzer beidseitige Importsperren zwischen Amerika und Europa - die Krankheiten dort würden die Bestände hier bedrohen und umgekehrt. Eine intensive Pflanzenbeschau und strenge Kontrollen gehören daher zum Alltag der amtlichen Pflanzenschützer.

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