Gesundheit : Europas Forscher streben an die Spitze

In Stockholm präsentiert sich die europäische Wissenschaft erstmals gemeinsam

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„Europas Stimme der Wissenschaften hat in Stockholm zum ersten Mal gesprochen und wird dies in Zukunft noch lauter tun", erklärte JeanPatrick Connerade, Atomphysiker am Imperial College in London jetzt am Wochenende zum Abschluss von „Euroscience Open Forum 2004“. Connerade ist Präsident von „Euroscience“, einer Vereinigung europäischer Wissenschaftler, die das Treffen ins Leben gerufen hat.

Nicht nur die Geburtsstunde einer eigenständigen europäischen Wissenschaft war zu feiern, auch der Anspruch, interessierten Laien komplexe Sachverhalte verständlich zu machen, wurde erfüllt. Ein weiteres Ziel war es, eine Lobby für die europäische Wissenschaft zu schaffen. Die Interessen der Forschung sollten jenseits von staatlichen Einflüssen in der Öffentlichkeit und auf politischem Parkett vertreten werden.

Auf dem viertägigen Treffen wurde eine wahre Tour de Force durch die Wissenschaft geboten. Die Themen waren interdisziplinär, von Nanoforschung und Teilchenphysik bis zu Stammzellen und Krebsforschung. So dozierte ein Klimaforscher aus England Tür an Tür mit einem Teilchenphysiker aus der Schweiz, gleich darauf folgte ein Vortrag über Hirnforschung und parallel dazu stellte ein Astronom aus Frankreich einen in 50 Lichtjahren Entfernung neu entdeckten Planeten vor.

Mit etwa 1600 Teilnehmern kam die Tagung ungefähr auf ein Viertel der Besucherzahl ihres Vorbilds: Der Jahrestagung der amerikanischen „Vereinigung für den Fortschritt in der Wissenschaft“, abgekürzt „AAAS“ (American Association for the Advancement in Science). Jenseits des Ozeans betreibt die Wissenschaft seit über 100 Jahren Lobbyarbeit für amerikanische Forschung.

Weil es in den USA so gut klappt, setzten auch die Veranstalter in Europa auf die Medien: Neben Wissenschaftlern, Studenten und Laien waren vor allem Journalisten nach Stockholm gekommen. Mit knapp 300 Teilnehmern war mithin jeder fünfte Besucher der Tagung Journalist. Dementsprechend war das Programm auf Außenwirkung getrimmt. In insgesamt 71 Symposien ging es etwa um die Top-Ten der ungelösten Geheimnisse des Universums, um die richtige Art der Wissensvermittlung für Kinder, um Ethik der Wissenschaft, Patentierung von Genen, die Folgen der Überfischung oder den Klimawandel. Mit zwei Prozent ihres Bruttosozialprodukts, so warnte Klimaforscher Jonathan Köhler aus Cambridge, werden für die europäischen Staaten in Zukunft die Folgen des Klimawandels pro Jahr zu Buche schlagen.

Noch populärer als in den Symposien ging es an den Mitmachständen und bei Open-Air-Experimenten im Stadtpark, in Cafes, im Theater und in den Straßen zu. Dort sollte, dies wünschte sich Rainer Gerold, Leiter des Bereichs Wissenschaft und Gesellschaft bei der europäischen Kommission, „in der Jugend die Wurzel für die Idee einer europäischen Wissenschaftsgesellschaft gelegt werden“.

Das Ziel in Brüssel: Europa bis 2010 zur führenden Wissenschaftsregion der Welt auszubauen. Mit 300000 Euro hatte die Behörde die Tagung mitfinanziert, der Rest des Budgets von 1,7 Millionen Euro kam von der schwedischen Regierung, aus der Industrie und von Stiftungen, darunter der Stuttgarter Robert-Bosch-Stiftung.

Ist die Wissenschaftslobby mit dem Spektakel in Europa angekommen? Die Veranstalter zumindest betrachten ihr ESOF-Experiment als gelungen. Allerdings weist die Wissenschaftsgemeinde in Europa noch ein deutliches Ungleichgewicht auf. Die Nationen waren in Schweden höchst unterschiedlich stark vertreten. Ein Großteil der Teilnehmer kam aus dem Gastland, an zweiter Stelle rangierte mit 170 Teilnehmern Deutschland, gefolgt von Großbritannien (127), Belgien (93) und Frankreich (71). Aus Ländern wie Dänemark, Portugal oder Österreich waren nur etwa ein Dutzend Gäste angereist, noch deutlich weniger als aus den USA (52).

Vor und hinter den Kulissen wurde eifrig über die Zukunft der europäischen Forschungslandschaft debattiert. Vor allem ein Thema beschäftigte die Forscher: die Einrichtung eines Europäischen Forschungsrats. Er soll in Zukunft die Förderung von Grundlagenforschung der Länder vereinheitlichen und eine gemeinsame Grundlage zur Beurteilung von Forschungsanträgen bilden.

Die Hürde auf die Agenda des europäischen Parlaments hat die Idee bereits geschafft. Robert Jan Smith, Generalsekretär für Forschung in Brüssel, ist daher optimistisch. Bereits 2007 könnten die ersten Forschungsprojekte durch den Rat gefördert werden. Das nächste europäische Forschungstreffen wird aber schon 2006 stattfinden – in München, medienwirksam zwischen Fußball-WM und Oktoberfest.

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