Gesundheit : Europas gigantischer Urstrom

Am Ende der Eiszeit ergossen sich Wassermassen von Ost nach West und mündeten im Atlantik

Roland Knauer

Bei der Frage nach dem größten Fluss-System Europas in den letzten 20 000 Jahren wissen wohl nur wenige Geoforscher die korrekte Antwort. Rhein, Elbe, Donau, Rhone oder Wolga? Falsch. Vor 18 000 Jahren schossen zwischen der französischen Normandie und dem Süden Englands unvorstellbar riesige Wassermassen nach Westen in Richtung Atlantik. Kanal-Fluss nennen Jaap Sinninghe Damste vom königlichen niederländischen Meeresforschungsinstitut in Den Burg auf der Insel Texel und seine Kollegen diesen Strom, der heute längst verschwunden ist (Science, Band 313, Seite 1623).

Damals aber lagerten über Nordeuropa und dem Norden Nordamerikas dicke Eispanzer. Das dort festgehaltene Wasser fehlte den Weltmeeren, deren Spiegel daher fast 130 Meter tiefer als heute lagen. Die britischen Inseln waren eine Halbinsel im Nordwesten Europas, der Atlantik begann erst weit draußen vor Irland und der Bretagne. Und die „deutschen“ Meere Nord- und Ostsee existierten genauso wenig wie der Ärmelkanal, dessen Salzwasser heute Großbritannien vom Rest Europas trennt, sagt Dierck Hebbeln, der an der Bremer Universität die Meere der vergangenen Jahrtausende erforscht.

Im Osten reichten die Eismassen bis in die Gegend der heutigen Millionenstädte Hamburg und Berlin, bedeckten Teile des heutigen Polen. Bereits auf dem Höhepunkt der Eiszeit aber taute im Sommer vor allem im Süden das Eis ab. Vor den Gletschern aber waren die Böden tief gefroren, versickern konnte das Schmelzwasser kaum. Nach Süden ging es bergauf und im Norden türmten sich die Eismassen. Das Schmelzwasser floss nach Westen ab. In großen Senken strömten vor 21 000 Jahren riesige Flüsse südlich von Berlin vorbei und erreichten über das heutige Tal der Elbe die Gegend Hamburgs.

So wälzte sich ein riesiger Strom nach Westen, nahm weitere Wasserläufe auf, die heute Weser und Rhein, Maas und Seine genannt werden. Auch die Schmelzwasser des Eisschildes über dem heutigen Großbritannien mündeten in diesen Fluss aus dem Osten, die Reste dieses Stroms heißen heute Themse. Im heutigen Golf von Biscaya mündete der Riesenstrom in den Atlantik.

Vor der damaligen Mündung haben die niederländischen Forscher in 2174 Meter Wassertiefe die Sedimente am Grund des Atlantik untersucht. Die Analyse des Sedimentes im Golf von Biskaya zeigt den Forschern, dass sich vor 19 000 bis 17 000 Jahren einer der größten Ströme, die Europa jemals gesehen hat, zwischen der Normandie und England zum Atlantik wälzte.

Je mehr die Eismassen aber schmolzen, umso stärker stieg der Meeresspiegel an, bis einige Jahrtausende später das ehemalige Flusstal im Meer absoff. Seither trennt der Ärmelkanal England vom Rest Europas und die Flüsse Rhein und Maas, Elbe und Oder münden nicht mehr in den Kanal-Fluss, sondern in den Atlantik und seine Randmeere.

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