Gesundheit : Europas Hochschultraum

40 Länder haben die Vision einer gemeinsamen Uni-Landschaft. Aber es gibt Bremser – besonders in Deutschland

Nadja Bleiber

Europa im Jahr 2010: Marie Meister, eine deutsche Studentin, macht sich auf zu einer Bildungsreise nach Italien. Ihr Ziel ist die Universität von Bari. Ihre Studienleistungen erkennt die Uni an. Geld hat Marie auch genug: Die deutsche Regierung hat ihr einen Studienkredit zur Verfügung gestellt, den sie mit ins Ausland nehmen kann. Nach sechs Semestern macht sie ihren Studienabschluss, den Bachelor, mit dem sie kurz danach in den Beruf startet.

Eine schöne internationale Studienwelt haben die Bildungsminister aus 33 europäischen Staaten sich 1999 in Bologna ausgedacht. Am Donnerstag und Freitag treffen sie sich nun in Berlin und beraten über den Fortschritt des Bologna-Prozesses. Begonnen hat er 1998, beim 800. Geburtstag der Pariser Universität Sorbonne: Die Bildungsminister von Frankreich, Italien, Deutschland und Großbritannien betonten damals, dass Europas Werte nicht allein wirtschaftlicher, sondern ebenso intellektueller Natur sind. Ein Jahr später unterzeichneten 29 europäische Bildungsminister die Bologna-Erklärung, vier weitere Länder folgten. Die Erklärung sieht die Schaffung eines „europäischen Hochschulraums“ bis zum Jahr 2010 vor.

Hinter der Willensbekundung verbirgt sich das Ziel, Europas Hochschulen internationaler und wettbewerbsfähiger zu machen: Barrieren für Auslandsstudien sollen fallen und europaweit vergleichbare Studienabschlüsse sowie europäische Qualitätsstandards eingeführt werden. In Berlin soll es besonders um einheitliche Promotionsstudien, die Qualitätssicherung der neuen Studiengänge (Akkreditierung) und den europäischen Forschungsraum gehen.

Ein Hochschulstudium wird künftig in zwei Stufen gegliedert, den Bachelor und den Master. Jede Universität ist frei zu entscheiden, welche Inhalte sie lehrt. Gleich soll aber die Struktur werden: Module, „Lehrbausteine“, die unterschiedliche Lehrveranstaltungen sinnvoll miteinander kombinieren, liefern bei erfolgreichem Bestehen international vergleichbare Leistungspunkte (ECTS). So weit das Ideal.

Doch wie sieht die Realität heute aus? Ein Teil der Länder hinkt hinterher. Erst 3,5 Prozent aller deutschen Studierenden sind in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen eingeschrieben. „Deutschland befindet sich im Bologna-Prozess eher in den hinteren Rängen“, sagt Siegbert Wuttig, DAAD-Beauftragter für die Berlin-Konferenz. Jedes Bundesland entscheidet selbst, ob es die Hochschulen zur Einführung von Master und Bachelor verpflichten will, oder ob es ihnen die Entscheidung selbst überlassen will. Anders als Österreich und Italien hat Deutschland keine zentrale Bologna-Koordination, die den Prozess zusammenhält, was aber hilfreich wäre, wie Christian Tauch von der Hochschulrektorenkonferenz sagt. Denn in ein solches Gremium könne man auch die Dozenten besser einbinden als bislang: „Wenn die Professoren nicht mitmachen, klappt es nicht“, sagt Tauch.

Etwa ein Drittel der Hochschulen in Europa besaßen schon vor Bologna eine zweistufige Studienstruktur (siehe Kasten). In einigen Ländern wurde die neue Struktur per Gesetz eingeführt, wie in Spanien, Italien und den Niederlanden. Aber auch Länder wie England, die schon vorher Bachelor- und Masterstudiengänge hatten, tun sich jetzt schwer damit, etwas für deren internationale Vergleichbarkeit zu tun. „England denkt noch genau wie vor dem Prozess, die interessieren sich gar nicht für Bologna“, sagt Wolfgang Mackiewicz, der Beauftragte für die europäische Hochschulkooperation an der FU-Berlin. England wolle weniger für europäische Studierende attraktiv sein, als für zahlungskräftige Gaststudenten aus Asien.

Vorbildlich in Europa ist Dänemark, wo in fast allen Fächern zweistufige Studiengänge existieren, auch in Medizin. In Deutschland hat die Reform das Fach Medizin, das mit dem Staatsexamen abschließt, noch nicht erfasst. Auch in Dänemark kann nur Arzt werden, wer den Master gemacht hat. Aber mit dem Bachelor in Medizin gibt es auf dem Public-Health-Sektor andere Möglichkeiten.

Aber auch sonst gibt es Hemmnisse für einen ungehinderten Austausch unter den Hochschulen. Bislang haben sich die Bildungsminister vor allem darum bemüht, rechtliche Barrieren abzubauen. Doch ob die Studenten ein oder zwei Auslandssemester einlegen, hängt für 61 Prozent von ihnen vor allem davon ab, ob sie das Geld dafür haben. Darauf hat der Dachverband der europäischen Studentenvereinigungen „ESIB“ hingewiesen, der 50 Verbände mit elf Millionen Studenten aus 37 Ländern vereint. Trotzdem ist die Höhe der Stipendien im europäischen Erasmusprogramm gesunken. Ein Stipendiat erhält noch 120 Euro monatlich. Nur 13 Prozent der deutschen Studenten gehen bisher ins Ausland. Und nur 2,1 Prozent der deutschen Studenten sprechen eine weitere Fremdsprache neben Englisch so gut, dass sie damit im Ausland studieren könnten. „Es besteht noch irrsinniger Nachholbedarf bei den Sprachen“ so Wolfgang Mackiewicz.

Bis sich Marie auf eine europäische Bildungsreise nach dem Vorbild Wilhelm Meisters machen kann, muss also noch vieles passieren. Auch, weil der Bologna-Club noch größer wird. Sieben neue Staaten haben um Aufnahme gebeten, darunter auch Russland und der Heilige Stuhl. Und auch Lateinamerika zeigt Interesse am Bologna-Prozess. Es hat Vertreter aus Mexiko und Brasilien als Beobachter nach Berlin geschickt.

Mehr zum Thema im Internet:

www.bologna-berlin2003.de

Ein offenes Diskussionsforum mit 50 Workshops findet am 18. und 19. September in der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, statt. Die Veranstalter erwarten 1000 Teilnehmer aus ganz Europa: www.eef2003.org

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