Gesundheit : Evolution: Der Millennium-Mensch

Matthias Glaubrecht

Während wir uns freuen, mehr oder weniger glücklich ins dritte Jahrtausend nach Christus gekommen zu sein, macht uns der Fund des ältesten Frühmenschen unser eigenes evolutives Eintagsfliegendasein bewusst. Er rückt den zeitlichen Ursprung des Menschen abermals etwas weiter in der Tiefe der Natur-Zeit zurück. Damit fällt zugleich auch Licht auf die Wurzeln des menschlichen Stammbaums.

Keine Zweifel haben Evolutionsbiologen inzwischen, dass die beiden heute (noch) in Afrika lebenden Schimpansenarten unsere nächsten Verwandten sind. Doch zwischen den Fossilfunden menschenaffenartiger Wesen und den ältesten überlieferten Funden der eindeutig menschlichen Evolutionslinie klafft eine mehrere Millionen Jahre umfassende Lücke - ein "schwarzes Loch" der Paläo-Anthropologie. Und so blieb bislang allein aus dem Vergleich genetischer Studien an Menschenaffen und dem Menschen zu vermuten, dass deren letzter gemeinsamer Vorfahre irgendwann vor vielleicht fünf oder gar sechs Millionen Jahren gelebt hat.

Älter als "Lucy"

Lange galt der 1974 in Äthiopien entdeckte Australopithecus afarensis - liebevoll auch "Lucy" genannt - mit seinen 3,2 bis 3,7 Millionen Jahren als unser aller Urahn. Knapp zwei Jahrzehnte später, im Sommer 1995, wurde "Lucy" entthront, als am Turkanasee im Norden Kenias der mit 3,9 bis 4,2 Millionen Jahre alte Australopithecus anamensis als bereits aufrecht gehender ältester Hominide entdeckt wurde. Kurz zuvor war ebenfalls in Äthiopien der 4,4 Millionen Jahre alte Ardipithecus ramidus ausgegraben worden. Während einige Forscher diesen ebenfalls in die hominide Vorfahrenlinie stellen, betrachten andere ihn eher als ausgestorbenen Seitenzweig unserer Ahnenreihe - gleichsam als einen entfernten Urgroßonkel.

Nun ist es beinahe schon zwanghaft geworden, bei jedem neuen Fossilfund zur Menschwerdung von einer Jahrhundertsensation zu sprechen, die neues Licht auf die menschliche Evolution werfe. Und so verkündete auch ein Team aus französischen und kenianischen Paläoanthropologen pünktlich zum Millenniumswechsel im Dezember 2000, dass ihre Entdeckung die Evolutionsgeschichte revolutioniere.

In der Tat verspricht ihr jüngster Fund Spektakuläres. Denn das Forschergespann Martin Pickford und Brigitte Senut hat - nach jahrelangen Grabungen in fossilhaltigen Schichten der Tugen-Berge im Baringo-Distrikt rund 250 Kilometer nordwestlich von Nairobi - den nunmehr ältesten menschlichen Vorfahren entdeckt. Mit seinem Alter von sechs Millionen Jahren springt dieser "Millennium man" in die lange klaffende Lücke der Fossilüberlieferung zur Menschwerdung, ist er doch schätzungsweise knappe zwei Millionen Jahre älter als Australopithecus anamensis.

Damit dürfte der Fund aus dem zentralen ostafrikanischen Grabenbruchsystem völlig zu Recht als ein Highlight der Paläoanthropologie gelten, meint der Frankfurter Paläobiologe Friedemann Schrenk. Ganz neu müsse unsere Naturgeschichte nur deshalb nicht geschrieben werden, weil aus diesem "schwarzen Loch" bislang schlicht nichts bekannt sei. "Nie zuvor sind wir so weit bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren der Menschen und Menschenaffen vorgedrungen."

Bei der Präsentation des "Jahrtausend-Menschen" in Nairobi zeigten die Forscher vom Collège de France in Paris und des Community Museum of Kenya Knochen-Reste von insgesamt fünf Individuen. Darunter sind sowohl männliche als auch weibliche: ein Greis, ein Kind und drei jüngere Erwachsene - vielleicht eine echte Urzeitfamilie?

"Unser Fund ist nicht nur der älteste fossile Nachweis menschlicher Vorfahren", erklärte der Paläoanthropologe Martin Pickford bei der Pressekonferenz in Nairobi. "Der Millennium-Mensch verkörpert zudem ein eher fortgeschrittenes Stadium der Menschheitsevolution."

So zeige ein beinahe perfekt fossilisierter Oberschenkelknochen, dass diese etwa schimpansengroßen Ahnen bereits aufrecht gingen - eine typisch menschliche Eigenart, die allein schon zur Aufnahme in die hominide Ahnengalerie qualifiziert. Denn die Menschwerdung begann mit dem aufrechten Gang.

Zugleich deutet ein kräftig ausgeprägter rechter Oberarmknochen an, dass der "Millennium-Mensch" zwar noch über eine ausgeprägte Kletterfähigkeit verfügt haben dürfte, wengleich er sich offenbar nicht wie Menschenaffen beschwingt durchs Geäst hangelte. Die Forscher vermuten, dass der klimatisch bedingte Rückgang des afrikanischen Regenwaldes unsere Ahnen auch dazu zwang, ihre Fortbewegungsart zu ändern. Sie entdeckten den aufrechten Gang am Boden und eroberten damit die lichten Randzonen der schrumpfenden Wälder als neuen Lebensraum.

Wie üblich aber sind es die Zähne und Kiefer des neuen Hominidenfundes, die den Millennium-Menschen unzweideutig in unsere direkte Stammlinie stellen. So besaß er wie wir kleine Schneidezähne und breite Backenzähne. Dies deutet auf einen Gemischtköster hin, der von Früchten und Wurzeln lebte und nur gelegentlich Fleisch fraß.

Zwar stehen bisher noch direkte Altersdatierungen an den Fossilfunden selbst aus. Doch die Sedimente, aus denen die Fossilien des Millennium-Menschen geborgen wurden, ließen sich dank der jahrelangen Vorarbeiten von Martin Pickford und seiner Lebensgefährtin Brigitte Senut sowie durch zwei unabhängig voneinander angestellte Messungen britischer und amerikanischer Forscher sicher auf ein Alter von sechs Millionen Jahren datieren.

Überreste anderer Tiere und Pflanzen deuten darauf hin, dass damals in der Region eine reiche afrikanische Flora und Fauna lebte, darunter die frühen Vorfahren von Flusspferden, Nashörnern und vielen Antilopenarten. Biss-Spuren am Oberschenkel eines Millennium-Menschen deuten auf dessen möglicherweise unglückliches Ende hin - eines freilich, dass bis heute nicht ungewöhnlich ist angesichts der afrikanischen Wildtiere.

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