Gesundheit : Evolution: Schweine tauchten ab

Paul Janositz

So riesig die Wale sind, so sehr regen sie die Phantasie an. Dies zeigt nicht zuletztHerman Melvilles abenteuerliche Geschichte vom weißen Wal "Moby Dick". Die Meeressäuger gelten als besonders intelligent und lernfähig. Ungeklärt ist bis heute der Ursprung der meist geselligen Tiere, die mit Delphinen und Tümmlern zur Ordnung der "Cetacea" gehören. Lebte der unmittelbare Vorfahr noch an Land oder war er schon im Wasser? Wissenschaftliche Untersuchungen, die jetzt in den aktuellen Ausgaben der Fachzeitschriften "Nature" und "Science" veröffentlicht wurden, kommen zu überraschenden Ergebenissen.

"Das ist ein absoluter Hammer", lautet der Kommentar von Manfred Ade, Kurator für Säugetiere am Museum für Naturkunde der Berliner Humboldt-Universität. Weniger erstaunt ihn die Tatsache, dass die Wale von Paarhufern abstammen sollen. Dies wird seit etwa 15 Jahren in der Evolutionsforschung diskutiert. Überrascht hat Ade vielmehr, dass diese These jetzt durch Fossilienfunde erhärtet wird. Bei den rund 50 Millionen Jahren alten Fundstücken aus Pakistan deutet der Schädel auf einen Wal hin, das übrige Skelett erinnert an Paarhufer.

Da alle bisher gefundenen frühen Wal-Verwandten aus Pakistan und Nordindien stammen, scheint diese Region die ursprüngliche Heimat von Blau-, Buckel- oder Zwergwal gewesen zu sein. Die traditionelle Lehrmeinung ging davon aus, dass die Wale von einem an Land lebenden, längst ausgestorbenen Urahn abstammen. Innerhalb von etwa acht Millionen Jahren sollen die fleischfressenden Landtiere ihren Lebensraum ins Wasser verlegt haben. Die Gestalt wurde stromlinienörmig, die vorderen Füße bildeten sich zu Flossen um, die hinteren gingen verloren. Als Nahrung dienten nun Plankton oder Fische.

Die Fundstücke zeigen jetzt eindeutige Verbindungen zwischen Walen und Paarhufern wie Schweine, Rinder oder Flusspferde. "Hätte man die Skelette ohne die walartigen Schädel gefunden, so wären sie als Schweine- oder Tapir-ähnliche Tiere eingestuft worden", schreibt Christian de Muizon vom Naturhistorischen Museum in Paris in einem "Nature"-Kommentar.

Die relativ vollständigen Skelette des etwa fuchsgroßen "Ichthyolestes pinfoldi" und des wolfgroßen "Pakicetus attocki" besitzen typische bewegliche Knöchelknochen, wie sie noch heute bei den Paarhufern vorkommen. Ihr lang gestreckter Schädel hat dagegen vor allem in der Ohrregion starke Wal-Merkmale. Damit seien die Tiere Übergangsformen gewesen, bevor die Gruppe sich dem Leben im Wasser zuwandte, schreiben Hans Thewissen vom Northeastern Ohio Universities College of Medicine in Rootstown und seine Kollegen in der Zeitschrift "Nature" (Bd. 413, S. 277).

Philip Gingerich und seine Kollegen von der Universität Michigan in Ann Arbor (USA) berichten gleichzeitig in der Zeitschrift "Science" (Bd. 293, S. 2239) von zwei weiteren, etwa 47 Millionen Jahre alten Fossilien, ebenfalls aus Pakistan. "Artiocetus clavis" und "Rodhocetus balochistanensis" zeigen bereits deutliche Anpassungen an ein Leben im Wasser - ihre kürzeren Beine besitzen aber Knöchel, die ebenfalls stark an die der Paarhufer erinnern.

Die neuen Funde dürften die Debatte der Paläontologen über die Ursprünge der Wale stark beeinflussen. Die Untersuchung der seltenen Skelette früher walartiger Tiere hatte bisher auf eine völlig andere, bereits vor rund sechzig Millionen Jahren ausgestorbene Gruppe hingewiesen. Vergleiche der Erbsubstanz zeigen dagegen eher eine Verwandtschaft mit den Paarhufern.

Vor etwa fünfzehn Jahren begannen die Forscher umzudenken, erklärt Naturkunde-Experte Ade. Damals ließen auch Untersuchungen der Skelettform, morphologische Studien, vermuten, dass die Wale von Huftieren abstammen könnten, also mit Elefanten, Nashörnern oder Pferden verwandt wären. 1998 gelang es amerikanischen Forschern, die beiden Stränge, Morphologie und Genstudien, zusammenzuführen. "Ganz vorsichtig" habe man die These aufgestellt, dass die Wale mit Paarhufern, also Schweinen oder Rehen verwandt sein könnten. Erstmals bestätigen jetzt Skelettfunde diese These.

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