Gesundheit : Evolutionsforschung: Architekt für das Haus der Biologie

Ernst Mayr hat Geschichte geschrieben - gleich in mehrfacher Hinsicht. Im Museum für Naturkunde wird dem Evolutionsbiologen, den manche für den legitimen Nachfolger Charles Darwins halten, am heutigen Montag (und zum ersten Mal in der Geschichte der Humboldt-Universität) - eine Urkunde zum 75. Jahrestag der Doktorarbeit überreicht.

Nachdem sich der am 5. Juli 1904 in Kempten im Allgäu geborene Mayr seine ersten wissenschaftlichen Sporen am Museum für Naturkunde in Berlin verdient hatte, wurde er 1926 an der Berliner Universität mit einer Arbeit zur Ausbreitungsgeschichte des Girlitz, einer inzwischen heimischen Singvogelart, promoviert. Nach einer beispiellosen Karriere als Systematiker und Zoologe, die ihn später an das Naturkundemuseum in New York und die Harvard-Universität im amerikanischen Cambridge führten, ist Ernst Mayr zum Geschichtslehrer der Biologie par excellence geworden.

Begonnen hat Ernst Mayr einst als Biosystematiker und als Naturbeobachter, denen bis heute oft noch das Image des kauzig-harmlosen Schmetterlingsfängers anhaftet. Als die Physik in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mit Quanten- und Relativitätstheorie eine Umwälzung erlebte, war Ernst Mayr auf Vogeljagd im Südwestpazifik. Was für Charles Darwin der Galapagos-Archipel war, das wurden für Mayr Neuguinea und die Salomon-Inseln. Wo für viele Zoologen die Arbeit endet, war für Mayr aber das eigene Untersuchungsobjekt nur Ausgangspunkt für generelle evolutionsbiologische Schlussfolgerungen.

Bekannt geworden ist er als einer der Architekten der Synthetischen Theorie der Evolution - jenem Gedankengebäude, in dem er gemeinsam mit anderen Darwins Konzept der natürlichen Auslese mit den Befunden der Genetik und Paläontologie in Einklang brachte. Auch später haben Mayrs grundlegende Arbeiten zur Systematik, insbesondere zum Konzept der Art und der Artenbildung sowie seine philosophischen Ausführungen viele Biologen geprägt.

Kaum ein anderer seit Charles Darwin hat so unermüdlich an unserem Verständnis von Evolution gearbeitet und die Rolle zu klären versucht, die insbesondere die Evolutionsbiologie für unsere Vorstellung der lebendigen Welt spielt. Wenn Biologen und Philosophen heute Fragen über Ursprung und Vielfalt lebender Organismen stellen oder nach den Unterschieden der belebten und unbelebten Natur fragen, dann tun sie dies auf dem theoretischen Fundament, das auch Ernst Mayr geschaffen hat.

Es sind vor allem Mayrs durch synthetische Kraft ausgezeichneten Werke, die seinen Ruf als einen der großen Biologen begründen. In diesen Büchern zog er nicht nur die für die Mechanismen des Evolutionsgeschehens gültigen Schlussfolgerungen aus vielen Einzelstudien; er steckte zugleich den geschichtlichen Rahmen der Biologie ab.

Mit seiner vierten Synthese, dem Buch "Das ist Biologie" (Spektrum Akademischer Verlag), führte er 1997 nicht nur die auseinanderdriftenden biologischen Teildisziplinen unter dem Dach der Evolutionsbiologie zusammen. Zugleich untersuchte Mayr darin die philosophische Dimension der Biologie und kritisierte, dass das Fach gegenüber Physik und Chemie vernachlässigt werde.

Als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts bedürfe die Biologie einer neuen, einer eigenen Philosophie, meint der Grandseigneur der Zoologie. Für ihn nimmt dabei die Evolutionstheorie die zentrale Rolle ein. "Die Darwinsche Revolution war die umwälzendste aller intellektuellen Revolutionen in der Geschichte der Menschheit", meint Mayr. Auf langwierige Beobachtungen und die Rekonstruktion historischer Prozesse angewiesen, entzieht sich zwar die Evolutionsbiologie dem Experiment; doch dies schmälere nicht ihren Wert als Naturwissenschaft. M. G.

Ernst Mayr spricht am 26. Juni um 19 Uhr im Museum für Naturkunde (Saurierhalle), Invalidenstraße 43, über "Die Autonomie der Biologie".

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