Gesundheit : Evolutionsgeschichte: Frühe Geburt

Er liegt still in einem dunklen Banksafe in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, gleichzeitig wirbelt er die Wissenschaft auf: Der "Millenium-Mensch", den kenianische und französische Paläontologen nach sechs Millionen Jahren aus den Tiefen des ostafrikanischen Grabenbruchs ans Licht holten, fordert einen neuen Blick auf die Evolutionsgeschichte ein. "Er wird die Diskussion um den Ursprung des Menschen beleben", sagte die stellvertretende Leiterin der Expeditionsgruppe des Collège de France in Paris, Brigitte Senut.

Neu sei vor allem die Erkenntnis, dass "die Trennung der Arten zwischen Menschenaffen und Menschen nicht, wie bisher angenommen, rund vier Millionen Jahre zurückliegt, sondern auf die Zeit vor sechs Millionen Jahren und davor zurückgeht". Bislang galten rund vier Millionen Jahre alte Knochenfunde aus Afrika als älteste Hinweise auf Vorgänger des heutigen Menschen. Bekannt wurde vor allem die etwas "jüngere" Lucy. Dieses Teilskelett eines Australopithecus afarensis ist 3,2 Millionen Jahre alt. Es ist das erste weitgehend zusammenhängende Skelett der Australopithecinen und wurde 1974 in der Nordost-Äthiopischen Afar-Region ausgegraben.

Der "Millennium-Mensch" hat Lucy nach Meinung der Wissenschaftler nun eindeutig überholt. Nicht nur seine Zahn- und Kieferstruktur ist dem des Menschen sehr ähnlich. Auch deuten die kräftigen Hinterbeine des schimpansengroßen Urmenschen darauf hin, dass er bereits über zwei Millionen Jahre vor seiner Verwandten den aufrechten Gang beherrschte. Das belegen seine Entdecker gleich mehrfach. Unter den Funden in der Baringo Region befinden sich "ein Kind, mehrere Erwachsene und ein alter Erwachsener", wie Brigitte Senut erklärt. Die ersten Knochen habe ein Arbeiter am 25. Oktober entdeckt, die letzten gruben Senut und ihr Team am 18. November aus.

Die verblüffend schnelle Datierung der Funde war auf Grund der Beschaffenheit des ostafrikanischen Grabenbruchs möglich, der in der Evolutionsgeschichte oft als "Wiege der Menschheit" bezeichnet wird. Seine geologischen Verhältnisse geben Paläontologen ein ideales Arbeitsfeld. Zum einen wurden in den aufeinander folgenden Schichten von vulkanischer Asche und Sedimenten die Fossilien und Artefakte gut konserviert. Zum anderen legten Erdbewegungen und Erosion diese Schichten wieder frei. "Die Lavaformation, aus der unsere Funde stammen, wurde bereits in den 70er Jahren von einem britischen Forscherteam auf ein Alter von sechs Millionen Jahren datiert", erklärte Senuts Team-Partner Martin Pickford. "Auch Tiere wie Flusspferde, Schweine und Antilopen, deren Überreste hier zu finden sind, bestätigen dies."

Für dieses Jahr hat das Forscherteam seine Ausgrabungen beendet. Doch es bleibt viel zu tun: 200 weitere Fundstellen warten in der Baringo-Region darauf, ausgewertet zu werden. Damit wollen die Paläontologen unter Zusammenarbeit mit ihren kenianischen Kollegen im Sommer beginnen. Einziges Problem: Im Banksafe gibt es neben dem "Millennium-Menschen" noch ein großes Loch. "Um unter guten Bedingungen weiterarbeiten zu können, brauchen wir rund 150 000 Francs (umgerechnet etwa 45 000 Mark)", sagt Brigitte Senut.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben