Gesundheit : Evolutionstheorie: Der erbitterte Kampf ums Dasein oder die Freude zu leben

Dorte von Stünzner

Es sind die Meldungen, die Schlagzeilen machen. "Schwulengen gefunden", "Aggression genetisch verankert" und "Gen für Alkoholismus endlich lokalisiert". Für fast jeden Aspekt unseres menschlichen Daseins scheinen mittlerweile Gene zur Hand: Für Gesundheit und Krankheit, für Intelligenz und selbst für Konsumzwang soll unser Erbgut verantwortlich sein. Und dieser Glaube nährt die Hoffnung: Irgendwann einmal werden wir all diese Eigenschaften manipulieren können. Dort, wo jetzt die Sozialwissenschaften und die Politik versagen, werden genetische und pharmakologische Technologien die sozialen Probleme unserer Zeit lösen können. Werden sie das wirklich?

"Darwins gefährliche Erben"

Der englische BioIogieprofessor Steven Rose ist skeptisch. Angeborenes und Erworbenes bestimmen uns zu gleichen Teilen, schreibt er in seinem Buch "Darwins gefährliche Erben - Biologie jenseits der egoistischen Gene". Komplexe Phänomene wie Sexualität, Gewalt oder Intelligenz könnten nicht allein durch das Vorhandensein von Genen erklärt werden. Wer das trotzdem versuche, treibe ein gefährliches Spiel.

Wenn die soziale Verantwortung von der Politik auf die Biologie und in die Verantwortung der Gene verlagert werde, dann würden schnell auch die finanziellen Ressourcen umgelenkt. "Und es wird lohnender, bei Babys und Kleinkindern nach den Wurzeln gewaltbereiten Verhaltens zu suchen, statt in der Gesellschaft Schusswaffen zu verbieten."

Dass trotzdem heute so viele an die Macht der Gene glaubten, sei die Folge einer extrem einseitigen reduktionistischen Forschung. Rose stellt sich damit gegen ein weit verbreitetes Wissenschaftsverständnis. Wenn Forscher ein komplexes Problem lösen wollen, zergliedern sie es üblicherweise in kleinere Einheiten, die leichter zu untersuchen und zu verstehen sind. Haben sie die Funktionsweise eines Details verstanden, versuchen sie, von diesem auf das Ganze zu schließen. Wer auf diese Art Erkenntnisse gewinnt, arbeitet reduktionistisch und nach landläufiger Meinung korrekt.

Doch biologische Fragen ließen sich nicht auf die gleiche Weise wie physikalische Fragen beantworten, erklärt Rose. Ökosysteme funktionierten nach anderen Gesetzen als Zellen. Biologische Prozesse seien komplex und miteinander verflochten. Organismen entwickelten und veränderten sich und ihre Umwelt ständig. Lebewesen seien mehr als "schwerfällige, aus Organen, Geweben und Chemikalien zusammengesetzte Roboter, geschaffen und regiert durch die Anweisungen eines Mastermoleküls, dessen Ziel die Replikation seiner Selbst ist".

Rose wählt etwa das Beispiel eines Frosches, der eine Schlange sieht und davon hüpft. Ein Physiologe erklärt das Verhalten dadurch, dass sich die Muskeln des Frosches zusammenziehen, ein Verhaltensforscher dagegen sagt: Der Frosch ist gehüpft, weil er fliehen will. Evolutions- und Molekularbiologen haben wieder andere Erklärungen, und jede ist in ihrem spezifischen Zusammenhang korrekt.

Schritt für Schritt analysiert Rose die fehlerhafte Argumentationskette, die zu der Annahme geführt hat, dass Sexualität, Gewalt und Intelligenz vor allem durch unsere Gene bestimmt sind. Er erklärt, wie Verhaltensweisen aus ihrem Kontext herausgerissen und willkürlich unter einen Oberbegriff zusammengefasst werden. Rose beschreibt, wie Wissenschaft heute betrieben wird, und erläutert die erkennnistheoretischen Grundlagen, mit deren Hilfe Beobachtungen interpretiert werden. Sein Buch ist ein schlüssiges Plädoyer für eine ganzheitliche und integrative Biologie. Eine Wissenschaft, die Komplexität zulässt und sich verschiedener Methoden bedient, um die Vielfalt der Natur zu erforschen.

"Wie der Wal zur Flosse kam"

Charles Darwin hatte sich gequält. 17 Jahre waren seit seiner Reise um die Erde verstrichen. 17 zermürbende Jahre, in denen er jedem Hinweis über den Ursprung der Arten nachgeforscht und seine ketzerische Theorie entwickelt hatte. Seine Gesundheit war von der Angst vor der gesellschaftlichen Reaktion zerrüttet. Und nur unter Brechanfällen konnte Darwin 1859 die Korrekturen von "Über die Entstehung der Arten vermittels natürlicher Auslese" abschließen. Angetrieben von dem einen "wahnsinnig starken Wunsch, mein verdammtes Buch zu beenden". Das "verdammte Buch" wurde ein Bestseller.

Wer heute über Evolution schreibt, steht auf der sicheren Seite. Begriffe wie "natürliche Auslese" und "Existenzkampf" gehören zur Alltagssprache. Und weil das so ist, hat sich der englische Genetiker Steve Jones bei seinem Versuch, Darwins Werk auf den neuesten Stand zu bringen, auch gar nicht um Darwins viktorianische Ernsthaftigkeit bemüht. Er will nicht wie Darwin überzeugen, sondern nur noch die damals fehlenden Argumente ergänzen.

Mit "Wie der Wal zu Flosse kam" sucht Jones dem Laien die moderne Evolutionsbiologie "in ihrer ganzen Tiefe und gewaltigen Vielfalt" nahe zu bringen. Obwohl sich Jones in seiner Gliederung an Darwins Kapitelüberschriften gehalten hat, gestaltet er den Inhalt völlig frei und mäandert im Plauderton durch die Welt der modernen Wissenschaft. Bereits die Einleitung liest sich wie eine Kriminalgeschichte. Jones Thema: die Immunschwächekrankheit Aids.

"Selbst für die Evolutionsgegner ist Aids ein Beweis für die Abstammung mit Abwandlung, denn man kann zusehen, wie sie sich vollzieht", schreibt Jones. Wie in einem Indizienprozess fügt er Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte über die Krankheit zu einem komplexen Bild zusammen. Der Leser erfährt, wo die ersten Viren gefunden wurden, wie Wissenschaftler anhand von Veränderungen in den Nukleinsäuren den Weg des Erregers rekonstruieren konnten und warum der Aidsvirus sich den jeweils herrschenden Sexualpraktiken der Menschen so schnell anpassen kann. Die kurze Geschichte des menschlichen Immunschwächevirus enthält die gesamte Argumentation der Entstehung der Arten.

Wer bei Jones aber eine klare und schlüssige Einführung in die Evolutionstheorie sucht, der wird sie nicht finden. Jones lässt sich mitreißen von seinen Anekdoten und konstruiert gewagte Übergänge. So beginnt das Kapitel "Kampf ums Dasein" auf Ellis Island, einer Durchgangsstation für Einwanderer in Amerika, gelangt über die Wikinger zu generellen Problemen von Neubesiedlern, umreißt das Bevölkerungsgesetz von Thomas Malthus, um zum Kaffeepreis überzugehen und beim Kabeljau zu enden.

Dennoch präsentiert das Buch auf angenehme Weise einen Überblick über den modernen Erkenntnisstand zum Ursprung der Arten. Es setzt sich mit den Argumenten der Gegner genauso auseinander wie mit dem Missbrauch der darwinistischen Theorie. Wer nach der Lektüre der ersten 13 Kapitel neugierig geworden ist auf den "echten" Darwin, wird am Ende belohnt. Jones schließt mit dem Originalkapitel Darwins - viktorianisch nüchtern überschrieben: "Allgemeine Wiederholung und Schluss".

"Das Darwin-Komplott"

Der Journalist Reinhard Eichelblick hat sich dagegen aufgemacht, den Darwinismus zu widerlegen und einen 150 Jahre währenden Skandal endlich aufzudecken. Beim Darwinismus handele es sich "im wesentlichen um eine groß angelegte Verdummungskampagne", diagnostiziert er im einleitenden Pamphlet zu seinem Buch "Das Darwin-Komplott". Das darwinistische Denkmodell gehe von falschen Voraussetzungen aus. Die Evolutionslehre sei ein Schöpfungsmythos, der sich durch einen unwissenschaftlichen Sprachgebrauch auszeichne. Darwinisten würden gezielt Gegner diffamieren, der Darwinismus als wissenschaftliches Paradigma blockiere die Weiterentwicklung der Menschheit. Statt "die groben und plumpen, die militaristischen und unökologischen Prinzipien des Dampfmaschinenzeitalters" hoch zu halten und "Kampf, Krieg, Anpassung, Selektion und Zufall" den Vorrang zu geben, fordert Eichelblick ein neues Denkmodell: mit Prinzipien wie Kooperation, Kommunikation, Gestaltung, Ordnung und Intelligenz.

In seinem Buch, flott und eingängig geschrieben, behauptet Eichelblick viel, beweist wenig und führt seine Leser mit wissenschaftlich falschen Analogien in die Irre. Zwar fehlt in seiner Beweisführung keines der vielen Argumente gegen den Darwinimus. Aber statt sauber zu trennen, wo wissenschaftliche Erkenntnisse existieren und wo offene Fragen bestehen, verallgemeinert er, verzettelt sich in pseudowissenschaftlichen Vergleichen und polemisiert.

Eichelblicks einfache Argumente sind auf den ersten Blick verführerisch. "Niemand wird annehmen, das Flugzeug sei zufällig dadurch entstanden, dass der Konstrukteur beim Abzeichen eines Autobauplans nur oft genug Fehler gemacht hat, die sich zufällig und unbemerkt so lange angesammelt haben, bis das Auto sich dann plötzlich als Flugzeug in die Luft erheben konnte." Also könne auch in der Natur nichts Neues allein durch zufällige Veränderungen in den Genen entstanden sein.

Dies behauptet jedoch auch kein Darwinist. Evolution bedeutet immer ein Nebeneinander verschiedener Faktoren. So vermutet man, dass sich bei der Entwicklung des Insektenflügels nicht einfach zufällige Mutationen angesammelt haben. Manche Veränderungen verschwanden bald wieder, weil sie die Tiere so stark beeinträchtigten, dass sie sich nicht mehr fortpflanzen konnten. Andere Veränderungen, wie etwa winzige Hautausstülpungen, halfen den Tiere Sonnenwärme aufzufangen und sich aufzuheizen. Das verschaffte den Faltenträgern Überlebensvorteile. Aus kleinen Hautfalten wurden mittlere und große, bis irgendwann Flügel entstanden, die wiederum andere Vorzüge hatten.

Eichelblick will den Darwinismus als ein mythisches Weltbild entlarven, um ihm ein anderes gegenüber zu stellen. Sein Buch ist ein persönliches Glaubensbekenntnis an eine ordnende Intelligenz, deren Wirken er in den "Kunstformen der Natur", in der Proportion des Goldenen Schnitts und in den morphogenetischen Feldern des englischen Biologen Rupert Sheldrakes entdeckt zu haben glaubt.

"Jedes Ding und Wesen - was immer seine Rolle in der Evolution, die eine Erscheinungsform Gottes ist, sein mag - ist ein Aspekt, eine Äußerung Gottes. Und so sind wir, als ein Teil Gottes, auch ein Teil der Evolution. Aber kein passiver, sondern ein aktiver Teil. Zusammen mit den anderen Lebewesen gestalten wir die Evolution, und das heißt in erster Linie zunächst einmal: das Anlitz dieses Planeten."

Eichelblick wünscht sich eine Welt, in der es "eine Freude ist zu leben - und nicht eine Mühsal oder eine Plage oder ein Kampf ums Dasein im darwinistischen Sinne". Fragt sich nur, ob der Autor, um diesen Wunsch zu formulieren, gleich den ganzen Darwinismus der Unwissenschaftlichkeit bezichtigen muss.

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